Liesl Kahane 13

M: Es war doch mal eine Situation, wo fast die ganze Familie verhaftet worden ist, im 34er Jahr, warst du da auch dabei?
Die sind zu uns in die Wohnung gekommen und haben Flugzettel gesucht und der Elie hat sie versteckt gehabt im Kachelofen. Und sie haben es scheinbar gefunden und da wollten sie uns alle mitnehmen. Ich hab gesagt, ich kann nicht gehen, weil ich muss meine Strümpfe waschen, ich kann nicht ohne Strümpfe gehen. Und sie haben mich zu Haus gelassen, mich als Einzige. Und ich hab eine wahnsinnige Angst gehabt, alleine in der Wohnung zu sein.
Ich hab immer gedacht jeden Moment kommt man mich holen, das war furchtbar. Die Clary hat sehr viel Verbindung gehabt zur Polizei, durch den Walter und durch die Lawyers, durch den Anwalt und da ist sie hingegangen und hat für uns gesprochen, in der Boltzmanngasse auf der Polizei. Und dann hat man die Mama rauslassen. Ich hab geglaubt, die Mama ist dort gesessen und hat Kampflieder gesungen, sozialistische. Ja, aber man hat die Mama dann rauslassen. Wir haben sehr gebeten und wir haben Essen hingebracht. Man hat die Mama rauslassen, die Kinder aber nicht.
M: Wann habt ihr euch entschieden zu gehen, wie der David diese Geschichte erlebt hat?
Ja, wie man an der Tür geklopft hat. Er hat gesagt, er bleibt nicht, weil er nicht weiß, wann man ihn holt. Wie wir uns entschlossen haben wegzugehen, ich glaub der David ist nach einer Woche weggegangen. Wir haben am 12. Juni geheiratet, am 19. ist er weggegangen, aber ich bin noch ein Monat bei der Arbeit geblieben. Ich glaub die Burschen waren noch da. Der Elie und der Heini und ich glaub, die Lotte und ich und ein paar Freunde sind mit ihnen zur Westbahn gegangen. Der David hat mir geschrieben, wie ich zu ihm fahren soll, hat mir genau geschrieben, welche Strecke ich fahren soll. Ich bin zum Reisebüro gekommen und hab eine Karte verlangt, so wie er es beschrieben hat. Der Mann hat gesagt, dass ich deppert bin, man kann direkt fahren, ich soll so fahren, er verkauft mir die Karte.
Ich hab gesagt, ich kann das nicht kaufen, mein Mann hat gesagt, ich soll so fahren. 
Er hat mir das gesagt, weil von da hat man alle zurückgeschickt, das konnte ich aber dem Mann nicht sagen. Ich hab gesagt, außerdem hab ich von meiner Firma einen Zettel von der Handelskammer in Wien, dass ich als Geschäftsreisende für die Firma Krapfenbauer fahre und Prozente für jeden Auftrag bekomme, den ich bringe. Die Firma war jüdisch und wie der Hitler gekommen ist, hat der Boss, der Sohn vom Alten, hat es seinem Freund übergeben. Der war ein Arier und so war die Firma unter arischer Verwaltung. Ich bin mit der Bahn gefahren, die Eltern vom David und die Mama sind mitgegangen zur Bahn. Und am Bahnhof, vor der Abfahrt hat seine Mutter mich auf die Seite gerufen und hat gesagt, untersteh dich ja nicht schwanger zu werden. Und ich hab gesagt, ich kann ja nichts dafür, wenn ich schwanger werde, ich hab mich so geschämt, weil ich mit ihr noch nie über solche Sachen gesprochen habe.