Liesl Kahane 14

M: Und wo bist du dann mit der Bahn hingefahren?
Nach Milano und der David hat mich dort abgeholt. Er ist mit einem Freund nach Venedig und von Venedig nach Milano. Er hat mit dem Freund gewohnt und an dem Tag, wie ich angekommen bin, hat der Freund ausziehen müssen. Wir sind einen Abend ins Hotel gegangen, ich war so aufgeregt damals. Das war furchtbar, das erste Mal weg von Wien. Weißt du, ich sag dir, wir sind in der Straßenbahn gefahren und die sind mit mir zur Bahn gefahren und meine Mama und ich haben den ganzen Weg geweint. Es war furchtbar für mich. Ich war noch nie im Ausland, nie weg von zu Haus und alles was ich gekannt hab, war ja nur Wien. Der David war vorher schon ein paar Mal in Italien und er ist auch sehr viel rumgefahren in Österreich. Er hat ganz Österreich sehr gut gekannt.
M: Aber du hast das alles noch nicht gekannt?
Nein, nur in Wien und in der Umgebung von Wien, weil ich vom Job eine Netzkarte gehabt habe und überall rumgefahren bin zu den Kunden. Wie ich weggefahren bin, war die Lotte da, sie hat auf die Mama aufgepasst.
sDie war da, die war immer da und ich war immer sehr close mit Lotte und mit dem Elie. Die Mama hat sich immer sehr gesorgt um den Elie, weil er schwer Herzkrank war. Auch wenn wir nichts gehabt haben, hat die Mama Schinken für ihn gekauft, aber wir waren nicht eifersüchtig, weil das Kind hat es gebraucht. Aber weißt du, ich hab dir vergessen zu erzählen, wie der Papa noch zu Hause war und die Mama und er etwas Geld gehabt hat, hat er uns geschickt, wir sollen Wurst und Käse kaufen für ihn. Er hat es am Tisch gelegt und wir sind gestanden und haben zugeschaut, wie er gegessen hat. Ja, die Mama hätte das nie gemacht, eine Mutter ist ja ganz anders und wie wir in San Domingo waren, sind wir beim Tisch gesessen, wir haben so gesprochen und ich hab der Mutter von David erzählt, wie gut die Mama war, sie hat nur für die Kinder gelebt, ihr ganzes Leben. Hat sie immer zu mir gesagt, deine Mutter war ja blöd, die hat sich nichts vergönnt mit den Kindern. Bei uns war das anders, zuerst bin ich gekommen, dann die Kinder und mein Mann zum Schluss. Und so hat sie ihn auch behandelt. Er ist von Shanghai gekommen und sie hat nicht mit ihm gesprochen, die ganzen Jahre, die er noch gelebt hat. Und wir wussten nicht, warum sie nicht mit ihm spricht, weil in Wien waren sie immer so close.