Liesl Kahane 12

M: Sag, und wann bist du von Wien weg und wie war das?
Wir haben am 12. Juni 1938 geheiratet, ich bin mit dem Taxi gefahren, mit meiner Mutter, der Mutter von Walter und der David ist mit der Straßenbahn gefahren und da ist ein SS-ler gestanden und der wollt den David nicht reinlassen. Der hat zu David gesagt, wohin gehen sie und der David hat gesagt, ich geh zu einer Hochzeit.
Zu welcher Hochzeit gehen sie, hat er gefragt und der David hat gesagt, zu meiner eigenen. Das war im Zeremoniensaal, eine Hochzeit nach der anderen. Zuerst wollten wir nicht, wir haben nicht daran gedacht, zu heiraten. Wir haben nichts gehabt und keine Zukunft. Und mit dem Hitler, hat der David gesagt, er wird versuchen nach Italien zu gehen. Und ich hab gewusst, dass der Heini und der Elie nach Belgien gehen wollen, nach Aachen. Hab ich gesagt, wenn du nach Italien gehst, gehe ich nach Belgien, weil ich dort meine Geschwister habe, dann werden wir uns vielleicht nie wieder sehen. Und ich konnte nicht wegfahren, ich hab ja keinen Pass gehabt, wir waren staatenlos. Und der David hat gesagt, okay geh nach Haus, besorge die Dokumente, wir werden heiraten.
So und er hat sich nicht getraut, das seinen Eltern zu sagen, er hat Angst gehabt es ihnen zu sagen, sie wollten mich nicht. Ich war ein armes Mädel und man hat ihm sehr viele reiche Partien versprochen. Er war ein sehr fescher Bursch und ich war ihnen nicht gut genug. Das Einzige was ihnen gepasst hat war, dass ich Kontoristin war und was gelernt habe und da hat die Mutter von David zu meiner Mutter gesagt, was sie mir mitgibt. Hat sie gesagt, ich hab ihr mitgegeben, zwei goldene Hände. Das werde ich nie vergessen und das hat sie auch so gemeint. Aber wir haben geheiratet, ich bin zu meiner Mutter nach Haus gegangen und er zu seiner Mutter. Wir haben keine Wohnung und nichts gehabt.
M: Wie war das eigentlich bis der Hitler einmarschiert ist, in Österreich, hat irgendjemand in eurer Familie daran gedacht wegzugehen?
Nein nie, im Gegenteil. Wie der Hitler schon einmarschiert ist und es ganz furchtbar in den Straßen war, haben wir mit unseren Freunden ausgemacht, wir treffen uns in zwei Jahren, 1940 am Wallensteinplatz bei der Uhr, um die und die Zeit. Aber das war ein Wunschtraum, wir haben gedacht, der Hitler wird nicht lang sein. Der David ist deshalb früher weg, weil man an seiner Tür angeklopft hat und die haben gefragt, ob da der Herr Soundso wohnt. Hat er gesagt, nein, der ist oben am Stock und den hat man dann weggenommen. Und er hat gesehen, man nimmt die Leute weg und auch Bekannte von uns, Freunde, die mit uns bei den Roten Falken waren. Die hat man verschickt und dann haben sie gesagt, sie haben sie auf der Flucht erschossen. Sie waren ja nicht auf der Flucht, sie haben sie ganz einfach erschossen. Ich hab es gesehen und es hat mir furchtbar wehgetan. Aber weißt du, die Leute sagen, man hat sich zum Schlachthaus treiben lassen wie das liebe Vieh. Wenn du dich nicht zum Schlachthaus hast treiben lassen, haben sie dich niedergeknallt. Du hast ja nicht können, wir haben ja auch keine Waffen und nichts gehabt.
Du konntest dich nicht verteidigen.