Kindheit und Jugend 12

 Jetti Sontag, Wien 1934

Jetti Sontag, Wien 1934
© Privatarchiv Brainin

Bei uns war es üblich, dass einer dem andern was gab.
Wenn meine Mutter in der Küche stand und Kartoffelpuffer ausbackte, solche Berge, dann kamen auch die zwei reichen Nachbarskinder und wollten davon was haben. Ich glaube, es hing auch mit der Atmosphäre bei uns zusammen. Es schmeckte ihnen. Aber ich spürte unsere Armut. Ganz selten konnte ich ein Häferl Milch kaufen für mich. Das kostete damals zwölf oder dreizehn Groschen und trotzdem ging das nur selten. Wenn wir gekonnt hätten, dann hätten wir uns einen Liter Milch gekauft, aber das war nie dar Fall. Als ich aber noch ganz klein war, rief mich oft die Nachbarin, damit ich das Fett von der Milch bekäme, das ganz dick oben schwamm. Es war ihr schade es wegzuschmeißen. Da war ich der Mistkübel und mir hat es gut geschmeckt. Wir haben damals alles gegessen. Das einzige, was ich damals nicht aß, war Kascha. In der Schule war ich das einzige rachitische Kind. In der Liechtensteinstraße hatten wir einen Herd mit zwei Flammen. Als Gewand bekam ich von den Kundschaften die abgelegten Kleider.