Kindheit und Jugend 11
Jedenfalls glaubte ich ersticken zu müssen, da dieses Fett so hart ist. Ich wollte mit den Mädchen mitmachen.
Mein Bewusstsein war nicht so groß, dass ich stolz sein konnte. Ich wollte ihnen zeigen, dass ich auch eine Jause habe. Bei uns waren Jausen nicht üblich. Wir hatten weder Milch noch etwas anders. Später konnte ich meine Mutter überreden, dass wir Margarine verwenden, wenn wir uns Butter nicht leisten konnten. Meine Mutter machte oft einen Aufstrich fürs Brot aus gestampften Kartoffeln, Salz und Zwieberln. Oder sie zerdrückte weiße Bohnen und vermischte sie mit Öl. Nur in ganz guten Zeiten gab es einmal ein Hendl, aber ein ganzes Hendl hatten wir nie, und wenn, dann hat sie es gestohlen. Ja, wir hatten ja kein Geld. Manches mal gab es Gansl- oder Hühnerfett fürs Brot, das konnte man kaufen, die feinen Leute wollten das Fett nicht. Das heißt aber, dass wir immer zu Essen hatten. Zum Beispiel, um die Söhne satt zu bekommen, kochte meine Mutter ganze Töpfe voll mit Grieß und Salz und Wasser. Sie aßen es und waren sehr glücklich. Meine Mutter musste alles zum Leben mit ihrem Verdienst selbst bestreiten. Ob der Vater manches mal ein bisschen ein Geld nach Hause brachte, das weiß ich nicht. Meine Mutter konnte aber das bisschen Geld gut einteilen. Aber ich kann mich erinnern, dass mein Vater bei einer Schachtel Sardinen mit Brot gesessen ist. Und die aß er ganz alleine. Da gab er weder der Mutter noch den Kindern und die Kinder saßen und schauten nur. Er gab ihnen nichts. Das war eine große Lehre für mich. Ich dachte, dass Frauen sich nie so unterdrücken lassen dürfen. Das war für mich eine Schule, diese Erlebnisse. Ich wusste, dass das eine Ungerechtigkeit ist. Aber warum das meine Eltern nicht verstanden haben weiß ich nicht. Es war mit Müh und Not jeden Monat dasselbe. Man musste Zins zahlen und die Mutter hatte das Geld nicht. Es gab schreckliche Kalamitäten mit dem Hausherrn. Wir ließen immer anschreiben bei einem lieben Greißler in der Hahngasse.
Also wenn die Mutter gerade kein Geld hatte. Wenn sie Geld hatte, kaufte sie in der Nähe. Nur dieser Greißler gab ihr immer was, das war ein ganz liebes Ehepaar. Außerdem hatte sie ein oder zwei Ballen Wäschestoff für Bettzeug.
Das hat sie jeweils ins Dorotheum getragen, wenn schon nichts mehr da war. Dort kannte man sie schon und nach einiger Zeit, wenn sie wieder ein paar Groschen mehr verdient hatte, dann löste sie es wieder aus. Das rührte sie sonst nie an. Von wo sie das hatte, weiß ich nicht. Vielleicht von einer Freundin, der sie einen lieben Mann vorgestellt hatte, den sie dann auch später geheiratet hat. Wie diese Frau geheißen hat, weiß ich nicht. Aber ein paarmal war ich mit ihr dort. Sie hatte ein Geschäft am Markt. Einmal gab sie mir Geld für einen Laib Brot. Dann sollte ich dazu Wurstabschnitzel kaufen. Das waren der Anfang und die Enden der Wurst, die nicht verkauft wurden. Das wurde in ein Kisterl gegeben. Da war genug Fett dabei. Zu Hause schnitt sie die Schnitten über den ganzen Laib ab und hat 5 dkg Butter so aufgeteilt, dass jeder einen halben Deka bekam und darauf gestrichen. Und zum Schluss ein paar Stückchen von der Wurst darauf. Das war unser Nachtmahl. Wenn mich die Freunde geholt haben am Abend zum Weggehen, dann nahm ich mir das Brot mit und da wollten dann alle immer abbeißen. Sie waren dann immer ganz entzückt über das herrliche Brot! Das war interessant. Sie kamen zwar aus Arbeiterfamilien, aber hatten schon ein bisschen mehr, weil auch der Vater dazu verdiente.