Kindheit und Jugend 10

Unser Vater hätte nach 10 Jahren optieren können. Aber er tat es nicht. Er hat es nie getan. So hieß es immer, dass wir staatenlos sind. Als ich dann aus dem Lager zurückkam, ging ich aufs Rathaus und suchte sofort um die Staatsbürgerschaft an und bekam sie auch sofort. Wir haben in verschiedenen Wohnungen, Notstandswohnungen, gewohnt und später sind wir dann in die Liechtensteinstraße gezogen. Auch dort hat meine Mutter genäht. Von dort ist sie zu Wallach als Zuschneiderin gegangen. Meine Mutter arbeitete dort alleine in einem Raum an einem riesigen Tisch. Ich glaube aber, dass meine Mutter nicht angemeldet war. Auch ich war später nicht angemeldet. Ich habe zwar in dieser Schuhfabrik gearbeitet, aber ich wurde nicht angemeldet. Nachdem ich aus dem Lager zurück­gekommen bin, ging ich auf die Krankenkasse und wollte eine Bestätigung von meinen Jahren meiner Arbeit. Als er endlich mein Karteiblatt fand, sagte er: „Na, du warst doch damals noch ein Kind. Aber schau, einen Tag haben sie dich angemeldet und am nächsten Tag haben sie dich wieder abgemeldet“. Zum Glück konnte ich Zeugen bringen, die bezeugten, wie lange ich dort gearbeitet habe. Aber es war gar nicht notwendig, denn es gab ganz viele Jugendliche, die damals nicht angemeldet wurden. In den großen Fabriken war das damals so, dass man die Jugendlichen für einen Tag angemeldet hatte und dann wieder abgemeldet. Aber mit allen machten sie das nicht.
In meiner Abteilung war ein älterer Herr, mit dem ich immer sprach, er war ein Kommunist, aber das wusste ich nicht. Das habe ich erst später in der Emigration erfahren. Er agitierte mich immer an. Ich dachte immer, ich müsse dichthalten, denn ich war ja in der Illegalität, es war die Systemzeit. Also sagte ich nicht, woher ich komme. Aber er sprach immer ganz offen: „Ihr Mädeln dürft euch nicht gefallen lassen, dass ihr keinen Urlaub bekommt. Ihr müsst einen Urlaub bekommen. Tretet der Gewerkschaft bei“. Es gab eine illegale Einheits­gewerkschaft. Ich trat der bei, aber es nützte natürlich nichts. Ich wurde nicht angemeldet und von Urlaub war keine Rede. Ich wurde immer vor dem Urlaub entlassen und nachher wieder angestellt. Und als ich dann im Jahre 1936 verhaftet wurde, da wurde ich dann sowieso entlassen. Ab Ende 1937 war ich dann arbeitslos. Und zum Schluss war ich dann bis zum Einmarsch in dem chemischen Labor, wo ich richtig angestellt wurde. Unser Geld durften wir behalten und mussten es nicht zu Hause hergeben. Nur Clary, die schon mehr verdiente, half mit für den Zins. Es hieß, wenn sie den Zins zahlt, dann bekommt sie eines der beiden Zimmer, die wir hatten. Das heißt, Clary wohnte in einem Zimmer, der Rest der Familie im zweiten Zimmer und in der Küche stand die Nähmaschine der Mutter. Ob sie auch zum Essen beigetragen hat, glaube ich nicht. Oft hatte sie Partys in ihrem Zimmer. Also sicher 2 oder 3 Mal. Ihr Freund war ein Arzt. Er arbeitete damals schon im AKH. Dort hat sie dann auch zeitweise gewohnt, aber das Zimmer blieb ihr zu Hause. Ich glaube nicht, dass wir gehungert haben. Aber es waren solche Zeiten, dass ich z. B. liebe Mädchen als Freundinnen, Nachbarn, hatte. Zur Jause sagten sie dann, wir müssen jetzt nach Hause Jause essen, oder ich solle wieder kommen nach der Jause. Sie hatten einen Erker und wir konnten vom Fenster zum Erker sehen. Und da saßen sie beim Erker und machten sich in meinen Augen groß mit ihren Semmeln und Butterbroten. Sie sagten dann auch, ich solle mir meine Jause holen und beim Fenster essen. Aber ich hatte keine Jause. Da schnitt ich mir dann manchmal schnell ein Stück Brot ab. Einmal streute ich mir ganz dick Staubzucker drauf. Einmal war kein Zucker da, da nahm ich aus einer Schüssel ein Rindsfett, was eine Seltenheit war, dass wir so was hatten. Aber es war billig und ich glaube, sie hat es zum Kochen verwendet.