Der jüdische Widerstand in Belgien und Auschwitz 20

Einmal wurden wir von Robert in der Pause in die Maschinenhalle bestellt - Besuch, wir wussten nicht, wer: Es war Alfred Klahr, den wir aus Belgien gut kannten. Er kam als Essensträger getarnt. Wir hatten alle drei Tränen in den Augen, Lotte und ich schämten uns, dass er uns so sah, glatzköpfig, in Lumpen gekleidet. Er war als französischer Jude deportiert worden, unter anderem Namen, die Deutschen wussten nichts von seiner Anwesenheit. Er war in Belgien prominenter politischer Emigrant gewesen, sein Name stand auf der großen Fahndungsliste der Gestapo, juristischer Begründer der Definierung der selbständigen österreichischen Nation. Das letzte Mal hatten wir uns bei einer Festveranstaltung der österreichischen Emigranten in Brüssel gesehen. Ein Fest im Freien mit Lampion­beleuchtung, Musik, unbeschwerter Fröhlichkeit, Lotte und ich hatten in unseren buntgeblumten Faltenröcken die Nacht durchgetanzt. Nun standen wir uns als Häftlinge gegenüber. Alfred sagte, es sei hier eine starke Widerstands­organisation, Kampfgruppe Auschwitz, alle Nationalitäten, alle Richtungen seien vertreten. Wir sollten zusammen­halten, wir sollten mitarbeiten, in der Fabrik sei gute Gelegenheit, man müsse den Widerstand organisieren, Sabotage organisieren - ob wir mitmachen wollten? „Ja, natürlich.“ Wir fragten ihn, ob es Hoffnung gäbe, dass die Kräfte von draußen uns helfen würden? Er schaute uns aus seinen schönen klugen Judenaugen ernst an und sagte: „Hoffnung? Ja, Hoffnung schon.“ Und dann dudelte er leise die Melodie des alten jüdischen Liedes: O Brüder, wir sind verlassen, wir sind in gojische Händ... Er hatte uns Geschenke mitgebracht, zwei buntseidene Kopftüchlein. Als wir sie später umbanden, über die geschändeten kahlrasierten Köpfe banden, war es uns als streichelten sie uns wie tröstende Bruderhände. „Ich komme wieder", versprach er uns beim Abschied. So begann unser Leben als aktive Mitglieder der Kampfgruppe Auschwitz im Union-Kommando. Lotte holte mich dann an ihren Tisch. Es war der letzte Tisch in der Kontrolle und wichtig für die Sabotage in unserer Abteilung. Lotte hatte diese Sabotage sensationell organisiert, sich mit den Mädchen zusammengeredet, meist Warschauerinnen, die sogleich dabei waren, vor allem ihre Vorarbeiterin musste damit einverstanden sein, sie war es auch, auch ein jüdisches Warschauer Mädchen.
Man musste soviel Ausschuss wie möglich produzieren, der wurde dann eingestampft und die gesamte Produktion verringerte, verlangsamte sich. Natürlich wurde auch in anderen Abteilungen Sabotage betrieben, doch wir wussten nichts voneinander. Lotte war gut mit ihrer Vorarbeiterin Pascha, Pascha war gut mit Meister Jupp und forderte mich an. Ich war glücklich, mit Lotte beisammen zu sein und froh, von meinem Tisch wegzukommen. Wir hatten eine deutsche Vorarbeiterin, Erika, mit dem Schwarzen Winkel der Prostituierten, sie schikanierte uns, teilte Ohrfeigen aus, wenn sie in schlechter Laune war und unter ihr konnte man die Sabotage nur schwer organisieren.
Es tat mir nur leid um Susi, mit der ich mich angefreundet hatte, wir teilten die Koje zusammen, sie war eine gebürtige Berlinerin, Tänzerin. Lagerfreundschaften sind etwas Ernsthaftes. Susi hatte ein bewegtes, hoch­interessantes Leben hinter sich, hatte als Tänzerin die halbe Welt bereist, war auch englische Spionin gewesen, war schließlich mit ihrem Mann bei den jugoslawischen Partisanen gelandet, irgendwie nach Italien gekommen, wo sie den Deutschen in die Hände fielen. Sie vertraute mir an, dass sie 36 Jahre alt sei, was sie tunlichst verheimlichte, 36 war krematoriumsfähig. Man sah es ihr nicht an, sie hatte den Körper einer 25-jährigen und das gescheite Spitzbubengesicht war jugendlich geblieben.