Der jüdische Widerstand in Belgien und Auschwitz 19

Es hieß: „Zugang beiseitetreten!“ Der erste Eindruck war imposant: eine große, moderne Fabrik, ein Werk. Die SS war draußen geblieben. Zivilisten kamen, was auf uns sehr beruhigend wirkte. Es waren Meister, die sich Neue für ihre Abteilungen aussuchten. Während wir auf unsere Einteilung warteten, begann der Betrieb zu dröhnen, hämmern, summen. Es sollte uns das zur alltäglichen Gewohnheit werden. Die Fabrik schluckte uns und spie uns nach zwölf Stunden wieder aus. In diesen Stunden waren wir wohl Häftlinge, aber keine Lagerinsassen.
Derselbe Meister wählte Lotte und mich für seine Abteilung, wir hielten uns dicht nebeneinander, doch wir kamen an verschiedene Tische. So begann unser Leben im „Union-Kommando". Trotz allem Schwerem, trotz der Fronarbeit habe ich es nicht in schlechtester Erinnerung. Wir hielten gute Kameradschaft, wir taten alles nach bestem Wissen, um gegen die Tyrannei anzukämpfen. Wir schlüpften in die Fabrik wie in einer Schutzhülle vor dem furchtbaren Lagerleben, dort war es rein, warm, es gab englische WCs, es gab eine Duschanlage, in der wir uns nach der Arbeit badeten, es gab keinen Mengele, die Meister waren keine SS, auch wenn einige sich grob und nazihaft benahmen. Die Arbeit war richtige Fronarbeit, Meister, Vorarbeiter achteten auf jede Bewegung, zwölf Stunden, nicht alle hielten durch. Aber wir waren in Auschwitz, wir waren im Rachen des Krematoriums, wir waren froh, dass wir in dieser Fabrik arbeiteten, zwölf Stunden dem Lager entronnen waren, dass der Mengele bei uns keine Selektionen durchführen durfte, bissen die Zähne zusammen und verrichteten die Sklavenarbeit. Bloß vor den deutschen Kapos waren wir nicht geschützt. Wenn in der Pause die Suppe verteilt wurde, schlugen sie uns unbarmherzig. Die Ärgste war die Oberkapo Maria, eine Österreicherin, strohblond, eisblaue Gletscheraugen in dem gesunden Bauerngesicht, so verroht, wie ich es außer bei SS-Weibern bei keiner Frau erlebt habe. Mit dem Riesenschöpflöffel schlugen sie auf die um ihre Suppe Wartenden ein, es war furchtbar, sie stahlen uns die paar Brocken Fleisch und Kartoffeln aus der Suppe, verschacherten ganze Suppenkessel und wenn es dann nicht für alle langte schlugen sie uns die Köpfe blutig. Auf Lotte hatte es diese Maria besonders abgesehen, wohl weil sie ihr ihre Meinung gesagt hatte, ob sie sich als sogenannte Politische mit dem Roten Winkel und als Österreicherin nicht schäme - als Antwort schlug sie ihr den Riesenschöpflöffel auf den Kopf und teilte sie ein, die Suppenkessel wie ein Esel zu ziehen. Wir wurden sie dann los als wir zur Nachtschicht überwechselten. Sie und ihresgleichen haben auf mich einen so nachhaltigen Eindruck gemacht, dass ich lange Zeit vor betont arisch aussehenden Frauen davonlief und meine Freunde mir alles erledigten, weil in den Büros meist Blondinen saßen. Was für uns von unschätzbarer Bedeutung war: wir fanden gleich Kontakt mit der Kampfgruppe im Betrieb. Die beiden Saras hatten dafür gesorgt. In der Fabrik arbeitete ein belgischer Jude namens Robert, Spanienkämpfer, der nahm Verbindung zu uns auf.
Bald hatten wir durch ihnVerbindung zu den Männern in Auschwitz, zu unseren Freunden aus Belgien, Österreich. Das war phantastisch. Wir erhielten Grußbotschaften, aufmunternde Worte.