Der jüdische Widerstand in Belgien und Auschwitz 18
Es gab eine deutschsprachige Soldatenzeitung und Flugblätter, die „guten“ Soldaten schmuggelten sie in die Kasernen, sie fanden andere gute Soldaten, die sie noch von zu Hause kannten, es gab bald keine Kaserne in Brüssel, in der nicht antihitleristisch gesinnte Soldaten Propagandaarbeit machten und uns mit wichtigen Informationen versorgten. Soldaten nahmen in Zahnpastatuben und Spielzeugen Propagandamaterial nach Deutschland mit, wenn sie auf Urlaub fuhren... Soldaten brachten Munition aus den Waffenlagern für die belgischen Widerstandskämpfer... Es war eine gefährliche Arbeit, aber interessant, man musste Fingerspitzengefühl haben, den sechsten Sinn, wir taten sie aus der Überzeugung, Wichtiges zu leisten im Kampf gegen Hitler, taten sie Tag für Tag, jahrelang. Wir lebten illegal, tauschten oft unser Quartier, verdienten uns unseren Unterhalt mit Haushaltsarbeit, trafen uns am Abend mit den Soldaten, waren stündlich in Gefahr und schöpften nur Kraft aus der Hoffnung, dass die Zweite Front käme und die Hitlerbande aus dem Lande triebe. Trotz allem hüpften wir auch manchmal hinaus ins Grüne, ruderten über die Seen und ließen uns im Kaffeehaus einen Aperitif servieren, und vergaßen für einige Stunden den Alptraum. Schwelgten in Zukunftsträumen. Freiheitsvisionen: tanzen gehen, baden gehen, schöne Kleider tragen...
Buntschillernde Wünsche, die in den Brüsseler Himmel flogen und dort wie Seifenblasen zerplatzten. Dann wurden wir verhaftet, nicht zusammen, erst Lotte, eine Woche später ich, Zufall, Sternenschwestern eben. Nun standen wir nackt vor dem SS-Kommandanten, hielten uns dicht beisammen: nur nicht getrennt werden! „Wir sind Eisendreherinnen“, sagten wir und zeigten ihm wie Gladiatoren unsere Muskeln: „Nehmen Sie uns zum Arbeitskommando.“ Er nahm uns, auch andere von unserem Transport. Beinahe wären wir vor Freude wieder gehüpft.
Wir bekamen andere Häftlingskleidung, etwas bessere Unterwäsche, Strümpfe und hässliche Fetzen als Kopftücher, kamen in einen Block, in den „Unionblock“. Am anderen Tag marschierten wir frühmorgens aus. Der Weg war weit, die Straße vereist, wir rutschten mit unseren Holzpantinen aus, mussten achten, in der Reihe zu bleiben, Augen auf die Fersen des Vordermanns, Begleitmannschaft mit Hunden bewachte uns, deutsche Kapos liefen uns zur Seite, trieben uns an, bedachten uns mit Schimpfwörtern. Wer nicht Schritt hielt wurde geschlagen, wer hinfiel mit Fußtritten zum Aufstehen gebracht. SS-Aufseherinnen liefen peitschenschwingend neben uns her. Beim Marschieren mussten wir singen, wir waren ein großes Kommando. Zehn Hundertschaften, voran deutsche Häftlinge, die anderen neun waren jüdische – die Deutschen sangen „Erika, Erika“ und „Lore, Lore“ – und wir mussten mitsingen.
Unsere Füße waren wundgerieben als wir in der Fabrik ankamen. Wir waren so zerschunden, dass wir nicht glaubten, diesen Weg noch oft durchzuhalten. Aber wir gingen ihn dann täglich zweimal, so oft, dass ich ihn noch heute in Gedanken oft gehe. Männerhäftlinge marschierten in den Hof, sie sahen besser aus als die Männer beim Außenkommando. Im Hof wurde abgezählt. Dann wurden wir in die Fabrik geführt.