Der jüdische Widerstand in Belgien und Auschwitz 17
Wien – Belgien – retour?
Herta Ligeti-Fuchs
[...] Das Schrecklichste war das Appellstehen, stundenlang in der grausamen Kälte, da war es besser, wenn wir nach dem Appell ausrücken mussten. Wir wurden weit weggeführt, mussten sinnlos Steine von einem Platz an den anderen schleppen. Wir sahen andere Häftlinge, auch Männer. Die Bewegung erwärmte uns, aber es war grauenvoll, das sinnlose Steineschleppen, die rohen SS-Weiber und deutschen Kapos, die uns antrieben, in den Holzpantinen erfroren die Zehen, die Füße waren wundgerieben. Es war klar, das Ganze war darauf ausgerichtet, uns zu erledigen, bei der nächsten Selektion waren wir gasreif. Die nächste Selektion erfolgte in den nächsten Tagen. Wir wussten nicht, was sie uns bringen werden. In der Duschanlage mussten wir uns nackt ausziehen und antreten. SS-Männer standen rings um uns. Dann kam der Lagerkommandant Hössler, wir kannten ihn inzwischen schon, sprang auf einen Stuhl und hielt eine Ansprache. Es war eine ungewohnte Ansprache für einen SS-Offizier. Er sagte, er mache keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden, Hauptsache, es werde gearbeitet, gut gearbeitet fürs Deutsche Reich, für die Neuordnung, für den endgültigen Sieg. Er sprach in bayrischem Dialekt. Lotte und ich standen nebeneinander. Wir begriffen, das war die Chance, in ein besseres Arbeitskommando zu kommen, wie es uns unsere Saras gesagt hatten. Wir hatten große Angst, auseinandergerissen zu werden. Bis jetzt hatten wir alles zusammen überstanden, die Gestapo, die Folterungen, die Einlieferung nach Malines, den Transport...
Wir hatten als Schulmädchen zusammen im Bürgerpark gespielt, im Bürgerpark in Wien, im 9. Bezirk, wo wir geboren wurden, aufgewachsen waren. Geboren im selben Jahr, im selben Monat, unter demselben Stern, Sternenschwestern. Wir waren dann, als Hitler kam, zusammen geflüchtet, über die Grenze gelaufen, Lottes Brüder hatten in Belgien auch für mich die Grenzschmuggler bezahlt. Wir haben zusammen die Emigrationsjahre in Brüssel durchgelebt, die beiden fröhlichen bis zum Kriegsausbruch – alles war wundervoll - diese wundervolle Freiheit!
Wir konnten nicht vernünftig gehen, nur hüpfen in buntgeblumten Faltenröcken durchs Leben. Dann die Kriegsjahre. Wir gingen zusammen in die von der Kultusgemeinde errichtete landwirtschaftliche Schule, Umschulungskurse für Palästina. Ein Versuch, die jüdische Jugend zu retten. Aber es gelang nicht, und wir tauchten unter, wurden U-Boote, lebten unter anderen Namen als „Arierinnen“, jahrelang. Als uns bekannte jüdische Kameraden an uns herantraten und fragten, ob wir mitmachen wollen im belgischen Widerstand, im Untergrund gegen die Hitlerokkupanten, sagten wir ja. Wir wurden wegen unserer deutschen Sprachkenntnisse einer speziellen Arbeit zugeteilt: antihitleristisch gesinnte deutsche Soldaten zu finden, sie zu organisieren. Wir machten Bekanntschaft mit deutschen Soldaten in Kaffeehäusern, auf Rummelplätzen, und fanden antihitleristisch gesinnte.