Der jüdische Widerstand in Belgien und Auschwitz 21

An den freien Sonntagen tanzte sie im Block, so nach und nach lernten wir ihr ganzes Repertoire kennen, es war vielseitig, Volkstänze, Solo aus klassischem Ballett, Pantomime - sie war eine wirklich ausgebildete Tänzerin und sie half mit ihren Darbietungen, die Moral hochzuhalten. Sie wusste schon, dass ich bei etwas „dabei“ war und hätte auch gern mitgetan, wie sie mir anvertraute. Ich tröstete sie, dass sie mit ihrem Talent die beste Hilfe war. Künstlerinnen eigneten sich nicht für streng konspirative Arbeit, auch mussten sie geschont werden.
Unsere Solidarität unterstützte sie manchmal mit einem Stück Brot und einer Margarinenration...
Als der nächste Transport aus Belgien kam, ich weiß nicht mehr wann, suchten wir gleich die Neuen auf. Es waren glücklicherweise keine Freundinnen unter ihnen, aber als Lotte nach ihrer Mutter fragte, die in Malines zurückgeblieben war als wir deportiert wurden – es gab dort eine Sonderstube für Leute, die ein gültiges Einreisevisum nach Übersee hatten und nicht deportiert wurden – sagten Frauen ihr, dass ihre Mutter mit ihnen gekommen, aber mit den anderen ins Familienlager gekommen sei. Es war ein fürchterlicher Schlag. Als wir auf die Lagerstraße traten, brannte der Schornstein lichterloh. Mame war nicht mehr. Wir gingen umschlungen über die Lagerstraße, schauten in die Flammen, fanden keine Worte. Lotte weinte, nicht mit Tränen, es war ärger, und ich litt mit ihr. Ich sah sie vor mir, wie sie uns am Bahnhof in Wien im Jahre 1938 verabschiedete, die vollgefüllte Tasche mit Reiseproviant in die Hände drückte, ihr Nesthäkchen, die Jüngste, mit ihren blauen Augen anblitzte:
„Geh schon, hau schon ab von hier – dass du mir nicht zurückkommst!“ Ich sah sie vor mir, wie sie nach ihrer Einlieferung in Malines vor dem Fenster unseres Cachots mit langsamen Schritten vorbeiging, die Hände auf dem Rücken verschränkt, sehr gerade, beinahe soldatisch, den Kopf uns zugewandt und ihre blauen Augen blitzten uns Mut zu – furchtlos, eine alte Soldatin, die nichts überraschen konnte. „Hobt nischt ka moire, kinderlach“ (Habt keine Angst, Kinder/Jiddisch), sagte sie, als der Krieg ausbrach und die Deutschen in Belgien einmarschierten.
„Der Zar hat auch den Krieg verloren, Hitler wird ihn auch verlieren.“ „Hobt nischt ka moire, kinderlach", sagte sie am Tag der Deportierung in Malines. „Ihr werdet schoin finden auch gite Menschen in Poilen, hobt nischt ka moire.“ Am hellen Abendhimmel blinkten die Sterne auf. Über der Flamme funkelten zwei Sterne Diamanten im rotbeleuchteten Smaragd – waren es die lieben Augen Mames? Wird das Fegefeuer uns alle verschlingen? Mit dem nächsten Transport aus Belgien, ich weiß nicht mehr wann, kam Juci, unser Jucerl mit dem blonden Schneckerlkopf und den lustigen blauen Augen in dem bildhübschen, gescheiten Gesicht. Da waren wir drei wieder beisammen.
Wir drei Wienerinnen, die 1938 die ersten Mädchen der österreichischen Emigrantenjugend in Brüssel gewesen waren. Sie hatte dann mit uns die Spezialarbeit mit den Soldaten gemacht. Juci war mit ihrer Mutter gekommen, sie waren zusammen in eine Razzia geraten. Sie konnte es nicht fassen, dass ihre schöne noch junge Mutti vergast worden sei. Juci war krank, hatte 41 Grad Fieber. Lotte rannte gleich zu den verantwortlichen Personen der Kampfgruppe in Birkenau und arrangierte es, dass Juci in einem Block versteckt wurde, wo man nicht Appell stehen musste und keine Selektionen stattfanden. Sie bekam Medikamente und erholte sich…