Es war uns nicht erlaubt unsere Eltern mit „du“ anzusprechen, sondern wir mussten in der dritten Person mit ihnen sprechen: „Hat der Papa schon....“, „hat die Mama schon....“, „bitte Mama darf ich...“, „bitte Papa darf ich...“ u.s.w. und wir mussten unsere Eltern nur mit „küss die Hand Mama“, oder „küss die Hand Papa“ begrüßen. Nachdem aber die Mama nicht so streng mit uns war, so waren wir ihr weniger gehorsam und natürlich, wenn der Papa nicht dabei war „duzten“ wir unsere Mutter.
Es war uns auch nicht zu Hause erlaubt „Wienerisch“ zu sprechen, nur „Hochdeutsch“. Wienerisch war nur für Gassenbuben und „Strizzi“. Er sagte: „Wenn man wie die Gassenbuben spricht, dann wächst man auch wie die Gassenbuben auf.“. Er war in einer führenden Position in der jüdischen Arbeiterpartei, der Poale Zion, welche eine Nebenorganisation der sozialdemokratischen Partei war. Vor dem Anschluss gab es Wien Tagesheimstätten „Jugend in Not“ um junge arbeitslose Menschen von der Straße fernzuhalten. Dieses Institut hatte eine Abteilung für jüdische Jungen, die „jüdische Jugend in Not“ und mein Vater war für viele Jahre der Leiter dieses Instituts. Die Mama hatte einen gesunden Menschenverstand, war talentiert und fleißig. Ihre Freundinnen und Bekannten schätzten sie sehr und fragten sie oft um Rat. Mamas zweiter Mann, Srulik Deutsch, war um vieles älter als sie. Er war Chordirigent im Kascheltempel im 20. Bezirk und in jüngeren Jahren war er Kantor. Als Musiker war er sehr begabt und las Noten wie ein Buch. Ich habe manchmal zu den Feiertagen in seinem Chor gesungen, um mir etwas extra zu verdienen und habe ihn bewundert, wenn jemand ihm Noten zeigte, die er nie vorher sah und er dieselben ohne Zögern sofort sang. Er hatte zwei Söhne, einen in Preßburg und den Zweiten, ein Mediziner, in Buenos Aires. Der Sohn aus Argentinien hatte für Srulik gleich nach dem Anschluss Einreisepapiere gesandt und Srulik ist nach Argentinien ausgewandert. Er hat sofort für Mama um Einreisepapiere eingereicht. Inzwischen sind Eli und ich nach Belgien geflüchtet und Mama folgte uns 1939 nach. Im Jahr 1940 war Belgien von den Deutschen ohne Widerstand eingenommen. Die Papiere kamen für Mama, als sie schon im Sammellager Malines für die Deportation war. Ich war damals in der Schweiz interniert und die Papiere kamen zu mir, welche ich sofort zu Mama nach Malines weiterleitete, aber leider ohne Erfolg. Niemand konnte aus deutscher Internierung entlassen werden. Ich glaube auch nicht, dass Mama die Papiere je sah. Sie wurde mit einem der letzten Transporte in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Sie lebte mit Srulik nur eine verhältnismäßig kurze Zeit zusammen. Der Papa hat einige Zeit nach der Scheidung wieder geheiratet, eine geschiedene Frau namens Rubinstein.
Den Verhältnissen entsprechend war er mit ihr auch nicht sehr lange zusammen. Als Eli und ich nach Belgien kamen, haben wir sofort unsere Familie bedrängt, zu uns nach Belgien zu kommen. Wir hatten mit einem Schmuggler Kontakt. Mama kam zur Grenze, aber sie war so geschickt, dass ehe wir noch jemand schicken konnten, sie ohne unsere Hilfe schon in Brüssel war. Der Papa wurde nach dem Anschluss Direktor der einzigen Schule in Wien, die noch von jüdischen Kindern besucht werden durfte. Juden waren nicht mehr an öffentlichen Schulen erlaubt.