Brief an Nichte Marianne
24.3.2000
Liebste Nandi!
Habe mich gefreut wieder einmal von Dir zu hören...
Auch wir waren hier sehr besorgt über die politische Lage bei euch und verfolgten die Nachrichten durch Zeitungen, Radio etc. mit großem Interesse. Trotzdem Haider zurückgetreten ist, glaube ich, dass er doch noch eine Gefahr für Österreich ist.
Die vielen Stimmen, die er bei der Wahl erhielt, bezeugen leider, dass sich die Einstellung der Leute seit der Nazizeit nicht viel geändert hat. Es gibt sehr viel darüber zu reden. Ich sehe es noch vor meinen Augen, als wäre es gestern gewesen. Wir sind damals vor über 60 Jahren, Wochen vor dem Anschluss in die Innere Stadt gegangen, um friedlich gegen den Anschluss zu demonstrieren. Die illegalen Nazis waren in großer Zahl mit Gegendemonstrationen da, es kam sogar einige Male zu Zusammenstößen. Leider hat das aber nichts genützt. Seiß-Inquart hatte das Land verraten und alles für die Machtübernahme vorbereitet. Obwohl die Polizei ein Puffer zwischen den Demonstranten war, war sie schon für die Machtübernahme bereit.
An dem berüchtigten Freitagabend, bevor noch die Nachricht kam, dass die Deutschen die Grenze überschreiten, ist die Polizei mit Hakenkreuzbinden versehen, welche man schon lange vorher vorbereitet hatte, mit meterlangen Knüppeln auf die Demonstranten losgegangen. Als sich die Nachricht verbreitete, dass die Nazis einmarschieren, entstand eine Massenpsychose, eine Ekstase der Freude und Festlichkeit, bei der die größte Zahl der Bevölkerung mitgerissen wurde. Die meisten sogenannten Sozialisten und Kommunisten waren davon nicht verschont geblieben. Es ist hart zu beschreiben, mit welchem Enthusiasmus die Deutschen empfangen wurden und das Gefühl der Ohnmacht, das uns befiel, da wir ja am meisten davon betroffen waren. Ich kann mir ganz gut vorstellen, was sich in Wien abspielte, als ob ich dort wäre. Das „Rote Wien“, das sich den Faschismus unter Dollfuß und Schuschnigg gefallen ließ, war nun vollkommen verloren. Die Kirche, i.e. Kardinal Innitzer, empfing die Deutschen mit offenen Armen und Herzen. Papst Pius XII., den man „Hitler-Papst“ nannte, der sogar nach dem Krieg vielen Kriegsverbrechern über Rom nach Südamerika zu fliehen half, ist nun auf dem Weg geheiligt zu werden.
Die Erinnerungen an die damalige Zeit haben mich nie verlassen. Auf deinen Brief zurückkommend möchte ich dir berichten, was ich von meinen Eltern von dieser Zeit weiß. Unsere beiden Eltern stammen aus Galizien, eine Gegend wo die Juden einen großen Teil der Bevölkerung ausmachten. Die meisten Einwohner dieser Region waren Analphabeten und die obligatorische Schulzeit betrug damals nur 2 Jahre. Die Juden waren aber eine Ausnahme. Im Alter von drei Jahren mussten die Buben schon in den Cheder gehen, so dass die meisten Juden nicht nur eine gewisse Bildung erhielten, sondern auch schon zeitlich im Leben Deutsch in der Schule, Polnisch, die Umgangssprache der Bevölkerung und Hebräisch im Cheder lernten. Der Papa war intelligent, sehr belesen und selbst gebildet. Er war mit uns Kindern immer streng. Wir waren deshalb sehr gehorsam und fürchteten ihn, besonders wegen seinem Jähzorn.