Heinrich Sontag 15

Chronik

Und so, mit den noch frischen Wunden des Krieges, versuchten wir unser Leben wieder in Ordnung zu bringen, was nicht leicht war. Ich hatte doch nur eine provisorische Aufenthalts­bewilligung in Belgien und keine Arbeits­bewilli­gung. Dora arbeitete zwar, aber das war nicht genug. Ich richtete mir zu Hause eine kleine Werkstätte ein und fand auch prompt Arbeit, aber auch das war nicht genug und ich versuchte mich selbständig zu machen. Es gab in Brüssel ein Komitee zur Hilfe von Flüchtlingen, welches ich um Hilfe bat. Der Rechtsanwalt dort sagte mir, dass er mir leider nicht helfen könne. In meinem Zustand als Flüchtling, der nicht einmal eine Arbeitsbewilligung hat, sollte ich doch warten bis ich vielleicht eine ständige Erlaubnis hätte im Lande zu bleiben. Ich hörte zwar, dass ich besser daran wäre nach Wien zurück zugehen. Wie ich schon vorher bemerkte, war ich nicht einmal österreichischer Staats­angehöriger. Daran wie es uns in Wien vor unserer Flucht erging, hatte ich gut in Erinnerung. Deshalb war ich fest entschlossen nicht wieder nach Wien zurückzugehen, obwohl ich noch immer Wien als meine Heimat betrach­tete. Ich versuchte alles daran zu setzen, um in Belgien zu bleiben und zu arbeiten. Ich beriet mich auch mit einem privaten Anwalt und bekam denselben Rat. Also ging ich zur Handelskammer in Brüssel um ausfindig zu machen, was man eigentlich tun müsse, um einen Gewerbeschein zu bekommen. Ich wandte mich an den Schalter für Auskünfte und es spielte sich folgendes ab: Ich fragte, was man machen müsse, um einen Gewerbeschein zu bekommen. Die Frau am Schalter gab mir einen Bogen und sagte: „Füllen Sie diesen aus". Ich habe mir den Bogen zweimal durchgelesen und fand eigentlich nichts betreffend Arbeits- oder Aufenthaltsbewilligung. Es gab nicht einmal die Frage, ob ich belgischer Bürger sei. Ich füllte den Bogen aus und wurde zum Nebenschalter verwiesen. Diese Beamtin verlangte vom mir 12, 50 belgische Franken, was heute circa zwei US Dollar ausmachen würde.
Sie stempelte meinen Bogen und gab ihn mir zurück. Auf meine Frage was ich damit machen solle, sagte sie mir: „c'est ca". Und zu meinem größten Erstaunen war ich im Besitz eines Gewerbe­scheins. Aufgrund dieses Gewerbe­scheins erhielt ich später eine ständige Aufenthaltsbewilligung. Einige meiner Freunde, denen ich davon erzählte, besorgten sich auch auf diese Weise einen Gewerbeschein. Kurz darauf wurde ein Gesetz geschaffen, dass man eine Carte Professionell haben müsse, um einen Gewerbeschein erhalten zu können. Und so gründete ich meine eigene Firma und begann auf legale Weise mit der Fabrikation von Lederwaren. Dora arbeitete mit mir und half mir viel.
Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich für meine Zukunft planen konnte. Alles war natürlich sehr schwer.