Elie Topf 36
Gendarmen holten uns ab und wollten uns wieder die Handschellen geben. Wir versprachen keine Schwierigkeiten zu machen, aber wir wollten keine Handschellen. Also setzten wir uns auf den Boden und wollten nicht mehr aufstehen. Wir rebellierten und wir schafften es ohne Handschellen. So begleiteten sie uns bis nach Argelès.
Dort wurden wir sofort wieder ins Ilot spéciale gegeben. Aber das war für uns keine Sache mehr. Wir waren schon familiär dort. Das einzige Problem war, dass es Sommer war und alles war voll mit Flöhen. Wir konnten nicht schlafen, nicht liegen. Ununterbrochen wurde man gestochen. Außerdem gab es Läuse. Wir hatten alle diese Kleiderläuse. Ich kenn mich gut aus mit Läusen. Es gibt drei Arten von Läusen, Kopfläuse, Gewandläuse, die sitzen in der Naht, und legen dort ihre Eier und die sekkieren einen ständig und dann gibt es noch die Filzläuse, die man bei den Genitalien und unter den Armen hat. Auch Argelès wollten sie auflösen. Es waren noch Spanier da, von den Internationalen Brigaden, es gab verschiedene Abteilungen, mit Stacheldraht abgezäunt. Es war am Meer, so wie die anderen Lager, auch Argelès, Barkeles und Saint-Cyprien. Das waren die drei großen Lager. Es waren ja tausende und abertausende von spanischen Flüchtlingen dort, die sehr schlecht behandelt wurden. Die haben es noch ärger gehabt, denn zuerst hatten die noch gar kein Lager. Es wurde für sie einfach nur ein Stacheldraht um einen riesigen Flecken Land gezogen und aus. Sie brachten vielleicht Sachen auch mit, mit denen sie sich vielleicht eine Zeit lang ernähren konnten. Ziegen und Schafe, bis dann nichts mehr da war. Die Franzosen waren nicht sehr fein. Als wir aus dem Ilot spéciale rauskamen meldeten wir uns für ein Arbeitslager. Sofort schickte man uns nach Barcarès. Das war ein Lager ohne Menschen. Dort baute man schön langsam ab. Die Baracken wurden zerlegt. Wir waren dort nur eine kleine Gruppe von Menschen. Die Verhältnisse dort waren abscheulich. Wir bekamen lange nichts zu essen.
Wir mussten in der prallen Sonne arbeiten und es war nicht sehr angenehm. Da ergab sich wieder etwas. Es kam ein Mann, der sagte, dass eine Gruppe von Männern gebraucht werde, um in Bram, ich wusste nicht wo das war, auch ein Lager, abzuholzen. Als ich das hörte dachte ich mir, dort müssten bessere Verhältnisse herrschen. Sofort verständigte ich Leo und wir meldeten uns, wo wir auch genommen wurden. Das war das idealste Lager, das man sich vorstellen kann. Es war in der Nähe von Carcassonne. Es war ein Lager mit zwei Männern als Bewachung, die nie da waren. Ab und zu kamen sie schauen, ob wir auch arbeiteten. Unsere Arbeit war, dass wir die Baracken zerlegen und in Viehwaggons verfrachten sollten. Jede Woche an einem bestimmten Tag wurde der Waggon hingestellt, wir füllten ihn an und am Abend wurde er wieder abgeholt. Die ganze Gruppe war sich einig, dass das der Platz sei, wo wir gerne den Krieg verbringen würden. Wir hatten besseres Essen, die Gruppe war klein, wir verstanden uns gut. Rundherum waren Wein und Maisfelder, wo wir eventuell etwas stibitzen konnten. Außerdem konnten wir auch einmal in der Woche, am Sonntag, frei ins Dorf gehen, das war erlaubt. Und anstatt ins Dorf gingen wir zu Bauern, um etwas einzuhandeln, oder auszuhelfen. Wo wir was verdienen konnten taten wir es.
So blieben wir im Lager. Wir waren da vielleicht dreißig Männer. Was wir machten, wenn der Waggon kam war, wir stapelten vorne Balken auf und hinten war der Waggon leer. Damit konnten wir die Zeit in dem Lager verlängern. Naja, eines Tages kam einer von den Kommandanten und rief mich. Ich hatte Angst schon wieder etwas angestellt zu haben. Nein, ich hatte nichts angestellt, aber ich sollte sofort zu der Préfecture nach Carcassonne. Warum, ich würde schon sehen. Er gab mir einen kleinen Zettel, den ich heute noch besitze. „Elie Sontag darf mit der Bahn nach Carcassonne etc“, ohne Stempel, ohne nichts.