Elie Topf 37

Also fuhr ich nach Carcassonne zu dieser Stelle. Dort wurde mir gesagt ich solle in die Dominikanische Republik auswandern. Ich solle nach Marseille fahren und fertig. Ich wusste nicht, wie ich dorthin kommen könnte. Also gab man mir auch dafür wieder einen Zettel. Das war ungefähr im November 1941. Also fuhr ich zurück ins Lager, um meine ganzen Sachen zu übergeben. Leo war ja noch da. Inzwischen habe ich von Mama, die ja selbst nichts hatte, eine große Kiste mit Kleidung bekommen. Da war auch ein kleines Brieflein dabei. „Ich habe dir deinen Anzug geschickt, aber es ist ein kleiner Fleck drauf, bitte putz ihn gut aus“. Ich wusste, dass das was heißt. Untersuchte die Tasche gut und merkte, dass Mama ein paar Groschen eingenäht hatte. Mama war immer sehr besorgt um mich.
Ich übergab Leo alles. Ich glaubte ja nie, dass ich irgendwohin fahren könnte, da ich weder Pass noch andere Papiere hatte. Noch hatte ich Geld. Ich dachte nie, dass ich nach der Dominikanischen Republik auswandern werde können. Aber probieren muss man es, also gab ich ihm alles. Sollte ich zurückkommen würden wir eben alles teilen, was wir hatten. Sollte ich nicht zurückkommen würde alles ihm gehören. Dann bin ich los. Man sagte mir, ich müsse nach Les Milles und mich dort melden. Les Milles war ein Lager für Auswanderer. Einige sind auch wirklich von dort weggekommen. Aber die meisten sind von dort dann endgültig umgekommen, entweder dort oder sie wurden auf Transport geschickt und kamen dann in Auschwitz um. Von all dem wusste ich damals natürlich nichts. Gutgläubig bin ich nach Les Milles. Dort war eine große alte Ziegelfabrik, in der die Leute gehaust haben.
Gehaust, weil es dort kein Leben war. Nicht einmal die Luft war gut. Es war nichts da, nur Staub und Dreck, es war furchtbar. Essen gab es nicht und die Lage war furchtbar, ich wusste auch nichts. Als ich hinkam, sagte man mir, ich solle wo rein und warten, bis man mich ruft. Mir wurde das zu blöd und ich dachte, da würde ich nie wieder rauskommen. Die Zeit verging inzwischen. Es war schon Dezember, das Ende zum Jahr. Ich meldete mich wieder einmal für eine Arbeit. Ein Gendarm fragte, ob jemand bei ihm im Haus etwas machen will. Er nahm mich nach Hause, sperrte mich im Keller ein und gab mir riesige Holzscheiter zum Zerkleinern. Ich bekam sehr gutes Essen und am Abend hat er mich wieder ins Lager gebracht. Am nächsten Tag holte er mich wieder. So ging das einige Tage. Eines Tages lieferte er mich wieder beim Eingang der Fabrik ab, aber es war kein Mensch mehr da. Ich wurde zwischen zwei Türen sozusagen eingesperrt. Ich klopfte und schrie und plötzlich kam jemand. Ich erklärte ihm was los war, dann fragte er mich, wohin ich auswandern wolle. Ich sagte ihm in die Dominikanische Republik. Er fragte mich nach meinem Namen, aber er konnte meinen Akt nicht finden. Dann sagte er, dass ich schon zu spät dran sei. Alle, die in die Dominikanische Republik wollten, seien schon aus dem Lager weg. Am nächsten Tag aber bestellte er mich zu sich. Ich kam zu ihm, er war wie ein Engel für mich, aber das wusste ich erst nachher. Er fand endlich meine Unterlagen, ich solle sofort nach Marseille. Er gab mir ein Papier. Ich wusste nicht was hinter den Kulissen vorging. Liesl ließ mich die ganze Zeit suchen, man konnte mich aber nicht finden. Wenn ich einmal in einem Lager gemeldet war, dann war ich bereits wieder im anderen. Und als ich im Gefängnis war, wussten sie drei Monate überhaupt nicht wo ich war. Ich rührte mich nicht, da ich Angst hatte, meine Mutter, Clary, Lotte und Liesl würden beunruhigt sein. Und so habe ich allen geschrieben und so kamen sie drauf, wo ich bin. Endlich fand jemand heraus wo ich bin und die haben mich dann durch Carcassonne nach Les Milles schicken lassen. Aber anstatt mich dann gleich weiter nach Marseilles zu schicken, haben sie mich dort sitzen lassen.