Elie Topf 35

Périgueux war ganz nahe an der Demarkationslinie. Dort nahmen wir Kontakt auf mit Flüchtlingen, die uns raten konnten, wie wir eventuell über die Grenze kommen könnten. In der Nähe von dem Weg übernachteten wir in einer Scheune. Zeitig in der Früh, wir hatten einen handgezeichneten Plan, der wahrscheinlich gar nicht stimmte, zogen wir los. Es begann zu regnen, es regnete und regnete und regnete. Je mehr es regnete, desto weniger konnten wir den Weg sehen. Dann verloren wir den Weg und wussten nicht mehr wo wir sind. Nach der Zeit hätten wir schon auf der anderen Seite der Demarkationslinie sein müssen. Plötzlich sahen wir eine Straße und gingen hin. Kaum waren wir auf der Straße, hörten wir das Kommando: „Halt! Stehenbleiben!“ Wir waren gekleidet wie Franzosen.
Wir hatten eine Musette (Brotbeutel) umgehängt, eine Feldtasche, eine Bürette, eine Kappe wie die Franzosen, also wir haben ausgesehen wie die Franzosen. Deshalb sind wir auch weitergegangen. Da hörten wir nochmals: „Halt, oder wir schießen!“. So sagte ich zu Leo, „Wir bleiben jetzt stehen, aber bitte du sprichst kein Wort. Ich werde versuchen, gutes Französisch zu sprechen. Sind es Franzosen, dann wissen sie, wer wir sind. Sind es Deutsche, dann werden sie keine Ahnung haben, wer wir sind“. Leo sprach damals noch mehr wienerisch als ich. Also wir drehten um und gingen hin. Sie verlangten unsere Papiere. Wir entschuldigten uns auf Französisch, wir hatten keine.
Wir sagten wir gingen zur Arbeit. Die Soldaten schrien, wir müssten zurück, da wir keine Papiere hätten. No, als wir das hörten, machten wir kehrt und gingen schön langsam zurück. Also wir waren an der Demarkationslinie und wir sind ungefähr um 200 Meter zu früh auf die Straße gekommen. Wir gingen also wieder zurück. Wir waren erschöpft, erfroren, verhungert. Beim nächsten Bauernhaus klopften wir an. Wir sagten, dass wir ausländische Arbeiter seien. Er wusste, dass wir keine Franzosen waren, ihm konnten wir natürlich nichts vormachen. Wir suchten Unterkunft und konnten bei ihm übernachten. Er gab uns zu essen, ein Kammerl, um die Sachen zu trocknen. Auch am nächsten Tag waren unsere Sachen noch total nass. Der Bauer ließ uns noch bei ihm bleiben. Plötzlich ging die Türe auf und zwei Gendarmen kommen rein zum Bauern und tratschen mit dem Bauern bei uns neben dem Feuer und wärmen sich die Hände. Und wie sie gehen wollen, dreht sich der eine bei der Türe um und fragt: „Wer sind denn die zwei?“ Sie verlangten nach Papieren, die wir nicht hatten, und so nahmen sie uns mit. Also kamen wir wieder ins Gefängnis. Wir machten uns wieder aus, dass wir nicht sagen würden, von wo wir sind. Wir hätten in Toulouse gelebt.
Haben uns eine Adresse ausgedacht. Sie wussten, dass wir nicht die Wahrheit sagen, aber sie haben aus uns nichts herausgebracht. Sie schlugen uns nicht, aber sie verhörten uns. Das war im Gefängnis von Périgueux. Es dauerte sehr lange bis sie draufkamen wer wir sind. Am Ende kamen wir vor Gericht und bekamen einen richtigen Prozess. Das war nach ca. drei Monaten. Wir bekamen fünf Monate, die wir abgesessen haben. Das war aber sehr gut für uns. Denn im Gefängnis war es warm, wir hatten feste Mauern, wir hatten gut zu essen, regelmäßig zu essen und wenn wir ein Geld gehabt hätten, hätten wir uns sogar etwas kaufen können. Wir bekamen Tabak, Zigaretten, also wir lebten dort wie im Hotel. Die Leute haben uns dort sehr hochgeachtet, weil wir keine Verbrecher waren. Außerdem wuschen wir uns dort täglich. Im Hof durften wir täglich spazieren gehen, dort gab es eine Wasserleitung, wo wir uns wuschen. Leo und ich waren mit vielleicht zwanzig anderen in der Zelle. Es war dort sehr fein, sehr schön war es dort. Dort hätte ich den Krieg überleben können. Nach dem Gefängnis sind wir wieder zurück.
Zuerst nach Argelès. Das war Sommer 1941.