Elie Topf 32
Es war damals nicht schwer aus dem Lager zu flüchten. Nur außerhalb vom Lager musste man immer achtgeben. War man irgendwie verdächtig, wurde man angehalten. Man musste Papiere haben, man konnte nicht auf die Bahn gehen, aber sie schafften es. Sie hatten irgendwelche Papiere. Dina, ihre Schwester Esther und ihre Eltern hatten Papiere. Mit Esther war ich damals sehr befreundet. Heini wollte zuerst nicht mit, er wollte auf mich warten, aber dann entschloss er sich doch zu gehen. Sie gingen nicht sofort weg, sondern blieben noch einige Tage in Toulouse. Inzwischen bekam Liesl Einwanderungspapiere nach Santo Domingo. Als sie losfahren sollte aus der Schweiz wusste sie, dass sie durch Perpignan durchfahren würde. Also ließ sie mich verständigen, dass sie dann und dann durchfahren würde. Also suchte ich um einen Urlaub vom Spital aus an. Ich war damals schon in der Genesung.
Ich konnte schon aufstehen und deshalb wollte ich ein paar Stunden Urlaub, um Liesl zu sehen. Aber es gab damals eine andere Affäre. Die Leute, die im Spital halfen, waren zumeist Spanier, die Kranken waren ausländische Emigranten, es gab nur einen einzigen französischen Arzt dort. Eines Tages sagte mir ein Bekannter, dem es auch schon wieder besser ging, er hätte da verschiedene Wäschestücke, die verschwunden seien. Irgendwer müsse sie weggenommen haben. Ich fand sie dann im Hof, wo auch noch andere Wäsche war. Ich wusste dann auch wer es war. Es gab zwei Flüchtlinge, die sich alles nahmen, was sie nur konnten. Auch Uhren und einfach alles. Das wurde der Polizei dann gemeldet und die wieder verdächtigten mich. Und gerade an dem Tag, wo ich für zwei Stunden hätte frei sein können, war die Polizei da und verhörte mich. Ich bat sie und sagte, ich würde wieder zurückkommen. Denn ich wusste, der Bus würde z. B. zwischen 12 und 14 Uhr da sein und er würde gleich weiterfahren und nicht warten. Ich wurde aber so lange festgehalten. Bis sie mich endlich gehen ließen. Ich kam ich dann dort hin, aber es war zu spät. Liesl hatte für mich aber Schokolade, Wurst und Käse mitgehabt und gab es einer fremden Frau.
Sie sollte mich finden, ca. drei bis vier Tage später bekam ich die Dinge. Das ist etwas ganz Tolles, denn wenn man bedenkt, dass damals jeder, wirklich jeder, hungerte und diese Frau wahrscheinlich auch eine Flüchtlingsfrau war, die besonders unter dieser Not gelitten hat und alles ablieferte. Und dabei habe ich sie nicht einmal gesehen.
Irgendwie sind die Dinge zu mir ins Lager gekommen, weil ich dann schon aus dem Spital entlassen war. Das heißt aber auch, dass mich diese Frau suchen musste, da ich ja nicht mehr dort war, wo Liesl glaubte. Ich war auch wirklich in einer Situation, wo ich das brauchte. Im Lager war ich zwar schon gesund, aber noch sehr schwach, also kam ich wieder in das Lagerlazarett. Eines Morgens, ich liege gerade im Bett, spüre ich Wasser und als ich schaute, sah ich überall Wasser. Es gab eine Überschwemmung, Hochwasser. Ich schaute und sah, dass ausser einem Mann sonst niemand mehr da war. Alle waren weg, also sind wir losgezogen, das war im Oktober oder November 1940. Es war noch finster, wir wateten im kniehohen Wasser. Als es endlich zu dämmern begann, sahen wir zwei Menschen in einem kleinen Boot. Wir sind zu ihnen hin und wollten ihnen helfen, aber das waren Gendarmen. Sie nahmen uns zu sich ins Boot. Wir stiegen ein und sie führten uns dorthin, wo alle anderen waren, die wir suchten vom Lager.
Dann sagten sie dort, wir wollten flüchten, daraufhin kamen wir in ein Gefängnis. Die Zelle dort war mit Blech ausgelegt, ohne Fenster, nur mit einer Türe. Also ganz finster. Dort wurde ich am Fuß angekettet, nach dem Typhus. So war ich wieder im Häfen. Esther, die einen Tag vorher auch bei mir auf Besuch war, kam am nächsten Tag wieder, wie sie da durchkam weiß ich nicht. Ich gab ihr noch meine Stiefel, weil es so regnete.