Elie Topf 31
Er gab mir sein Nähzeug, einen Beutel mit verschiedenem Zwirn und Nadeln usw, und wenn er etwas brauchte, konnte er zu mir kommen und ich half ihm dabei und macht es für ihn. Damit begann ich ein Geschäft. Ich nähte Knöpfe an und bekam dafür ein Stück Schokolade oder was immer. Das war der Anfang von meinem Unternehmen, das sich später ausgeweitet hat in eine Aktiengesellschaft von vier Männern. Also wir wurden in diese Lastautos verladen und wir wurden nach Saint-Cyprien gebracht. Saint-Cyprien war ein riesiges Lager am Mittelmeer, gebaut für die Flüchtlinge des spanischen Bürgerkriegs. Da waren riesige Baracken für vielleicht 20.000 Menschen, die dort waren. Wir kamen da an im Juni 1940. Jeder bekam ein Stück Stroh, das war das Lager, es gab viel mehr Platz.
Das ganze Lager war im Meeressand. Es gab dort bessere Verhältnisse. Wir hatten keine Ahnung, was mit der Familie passiert war. Wir hatten keine Verbindung. Inzwischen hatten wir schon gehört, dass die Deutschen den größten Teil von Frankreich besetzt hatten. Frankreich hatte einen neuen Vertrag mit Hitler gemacht. Pétain war nun Staatschef von Vichy-Frankreich, dem sogenannten freien Frankreich, wo sich auch unser Lager befand. Da begann das Lagerleben. Nach kurzer Zeit, vielleicht im September oder Oktober, wurde gesagt, Heini Sontag solle zum Besuchsplatz kommen. Damals wurden Besucher schon akzeptiert. Also gingen wir gemeinsam zum Besuchsplatz. Seine Frau Dina (Dina-Dora) stand da. Die Pläne mit Südfrankreich besprach er früher auch mit seiner Familie.
Sein Sohn wurde 1935 oder 36 geboren. Er war der Sohn von einem Spanienkämpfer, der dort gefallen ist. Als Heini Dina kennenlernte war sie eine Witwe mit einem kleinen Sohn namens Henry. Heini hat ihn dann als Sohn anerkannt, obwohl er immer seinen Namen behalten hat, er hieß Frischer. Also Dina war plötzlich zu Besuch da.
Ich glaube sie war diejenige, die uns die ganze Geschichte erzählt hat, was passiert war. Oder vielleicht haben wir dann später durch Post davon gehört. Mit der Post war es so, wir hatten ja kein Geld. Die Lagerleitung erlaubte uns Briefe zu schreiben. Tatsächlich konnten wir dadurch Liesl erreichen, sie war in der Schweiz damals. Sie konnte uns auch sehr bald Lebensmittel zukommen lassen. Wir erfuhren dann, dass Lotte und die Mutter auch versucht hatten zu flüchten. Sie sind aber von den Deutschen abgeschnitten worden. Sie nahmen irgendwie eine andere Route.
Sie wussten ja nicht, wie es am besten war. Das hat ja niemand gewusst. Leider gelang es ihnen nicht, aber sie konnten irgendwie wieder nach Brüssel zurück, wahrscheinlich nach sehr großen Schwierigkeiten. Heini und Dina sahen sich wieder im Lager. An dem Tag, als wir dort gemeinsam saßen, es war ein sehr heißer Tag. Mir wurde plötzlich sehr schlecht, aber ich dachte es sei die Sonne. Zu Mittag gingen wir wieder zurück in die Baracke.
Am Nachmittag kam Dina wieder. Heini ging hin, aber ich konnte nicht mehr hingehen und blieb liegen. Inzwischen stellte sich heraus, dass ich sehr hohes Fieber hatte. Das war der Anfang von meiner Typhus-Erkrankung. Ich kam in das Lagerlazarett, wo ich furchtbar fieberte. Es gab damals schon einige Fälle von Typhus, sie informierten aber niemanden davon. Ein Arzt, der auch interniert war, wollte aus dem Lager, um einen Test zu machen, aber man ließ ihn nicht raus. Er musste sich rausschmuggeln, machte den Test und sah, dass es Typhus war. Er kam dann zurück ins Lager und sagte Bescheid. Von da an wurden die Leute nach Perpignan ins Hospital geschickt. Und so bin ich auch nach Perpignan ins Spital gekommen. Ich wusste damals, dass Dina und Heini und Henry nach Belgien zurückwollten. Heini kam mich noch im Spital besuchen und sagte, dass er auf mich warten wolle bis ich gesund sei. Aber ich riet ihm, mit seiner Familie zu gehen, ich würde mich schon durchschlagen und dann auch kommen.