Elie Topf 30
Wir übernachteten dann dort im Gefängnis. Am nächsten Tag verluden sie uns in Viehwaggons, wo schon andere Flüchtlinge auch in den Viehwaggons waren. Sie verriegelten die Türen und mit aufgepflanzten Bajonetten sind wir losgeschoben. Dieser Zug fuhr ca. vier Tage lang in Frankreich umher. Wir wussten nicht wo, was, wann, da wir ja eingesperrt waren. Wir konnten nicht raus. Wir bekamen kein Essen. In jedem Waggon waren ungefähr fünfzig bis sechzig Personen und es war ein sehr, sehr langer Zug. Nachher erfuhren wir, dass die Franzosen uns für deutsche Spione gehalten haben und das auch auf die Waggons 5. Kolonne geschrieben haben. Die Franzosen haben uns mit Steinen beworfen. Sie konnten uns zwar nichts anhaben, da wir hermetisch verschlossen waren, aber wir haben keinen freundlichen Empfang gehabt. Wir bekamen nichts zum Essen, nichts zum Trinken, wir konnten nicht auf die Toilette. Die Männer fanden vielleicht irgendwo eine Lücke, wo sie ihre Notdurft verrichten konnten. Ob Frauen auch in dem Zug waren, weiß ich nicht. Aber wenn jemand „groß musste“, dann war es schon ein bisschen komplizierter. Es war ein Gestank im Wagen. Am Tag schwitzte man, in der Nacht froren wir, also es waren unmögliche Zustände. Nach vier Tagen blieben wir plötzlich irgendwo stehen, die Türen gingen auf und wir waren in einem Notlager, das die Franzosen zu bauen begonnen hatten, das aber noch nicht fertig war. Man hatte uns also nach Frankreich nach Le Vigeant gebracht. Das war ein freier Platz mit vier oder fünf langgestreckten riesigen Baracken. Die Löcher, wo Fenster hineingehörten, waren ohne Fenster. Es gab keine Türen, rundherum war Stacheldraht und Senegalesen mit aufgepflanzten Bajonetten hielten Wache. Das Ganze lag auf einer Anhöhe nicht weit von Tournes. Mein Bein ist in den vier Tagen genesen. Die sogenannte Latrine war ein Graben quer durch das ganze Lager, ein offener Graben, ohne Trittbretter oder was. Es regnete einmal sehr, die ganze Nacht hindurch. Daraufhin ging die ganze Latrine über, über das ganze Lager, das ein Männerlager war. Wir hatten dort keine Gefäße. Als wir dort ankamen waren wir am Verdursten. Sie stellten uns dann einen Tankwagen mit sehr stark chloriertem Wasser hin, aber die Leute konnten es ohne Gefäße nicht trinken. Wenn jemand eine leere Konservenbüchse hatte, so lieh er sie vielleicht weiter oder man trank mit den Händen so viel man eben konnte.
Die ganzen Tage war das so, zwei bis drei Mal am Tag kam dieser Tankwagen mit Wasser. Inzwischen bekamen wir auch etwas zu essen, das ging folgendermaßen vor sich. Wir bekamen für eine bestimmte Anzahl von Leuten eine Konservenbüchse mit Essen. Dann losten wir aus, wer die Büchse als letzter bekommt und dann so eben ein Gefäß bekommt. So haben die Menschen dann schön langsam ihr Geschirr gehabt. Wasser war immer sehr rar. Endlich wurden wir eines Tages nach ca. zwei Wochen wieder verladen. Diesmal auf Lastautos. Es war Sommer, wahnsinnig heiß, da wir keinen Schatten hatten, außer in den Baracken. Aber in den Baracken war es unmöglich, es war so eng, dass wir zu sechst wie die Sardinen geschlafen haben. In der Nacht drängten wir uns aneinander, weil uns kalt war. Wieder einmal hatte ich ein bisschen Glück gehabt. Wir hatten ja nichts zu tun. Und so ging ich herum um zu sehen, was die Leute alle machen. Da sah ich einen älteren Herren der versuchte, eine Nadel einzufädeln, aber es gelang ihm nicht. So nahm ich die Nadel und half ihm beim Einfädeln. Jetzt hatte er eine eingefädelte Nadel, aber er wusste nicht, was er damit anfangen sollte, er wollte sich seinen Rock richten, der einen Riß hatte. Also half ich ihm und flickte ihm den Rock. Als er sah, dass ich nähen konnte, wollte er mit mir ein Geschäft machen.