Elie Topf 29

Eines Tages hörten wir schon ganz zeitlich in der Früh die Flugzeuge und das Schießen der Luftabwehr, das Bombardieren mit Brandbomben und Ekrasitbomben. Wir waren dort plötzlich im Gefängnis. Das Lager bestand aus einem schönen Gebäude, wo wir gegessen und geschlafen haben, außerdem aus einem riesigen Garten, wo wir ziemlich frei gespielt haben oder gearbeitet haben. Als wir damals runter kamen zum Tor, war das Tor schon verschlossen und Militär war rund um das Gebäude stationiert. Das heißt, nun waren wir richtig interniert.
Vorher konnte man noch Urlaub bekommen oder Besuch empfangen. Jetzt waren wir eingesperrt. Wir konnten nicht mehr raus, wir durften nicht mehr arbeiten, wir durften nichts machen außer herumsitzen und warten.
Der Lagerleiter war plötzlich ein Kommandant von der Polizei oder so. Wir hatten keine Ahnung was vor sich geht. Wir hörten nur das Schießen und Bombardieren und sahen es von der Dachluke aus. Wir durften kein Licht mehr am Abend machen. Am vierten Tag rief man uns plötzlich und jeder bekam einen Laib Brot und wir sind zu Fuß losgezogen. Man sagte uns gleich, dass wir zusammenbleiben sollten. Solange wir zusammenbleiben würden, würde uns nichts geschehen. Man wollte uns in Sicherheit bringen. Ein oder zwei Beamte der belgischen Polizei sollte uns begleiten. Wir waren ungefähr 100 Personen. Wir waren nicht sehr viele, die Gruppe war immer übersichtlich.
Als wir auf die Landstraße kamen merkten wir erst, wie die Lage war. Es war so um den 14. Mai 1940. Die Straßen waren voll mit belgischen Flüchtlingen, Militärautos fuhren mit englischen, französischen, belgischen Soldaten in eine Richtung, Rotkreuzwagen fuhren mit Verletzten in die andere Richtung. Plötzlich kamen auch die deutschen Flugzeuge. Wir mussten Unterschlupf suchen, es war in der Nähe von einem Bahnhof. Als wir nach dem Luftangriff rauskamen, sahen wir, dass der Bahnhof vollständig zerstört war. Ganz in der Nähe hatten Bomben eingeschlagen. Wir waren voll Angst und Schrecken. Leider hatte ich eine Entzündung an einer Zehe, die mich am Gehen hinderte und zu einer Blutvergiftung entwickelte. Ich konnte ganz einfach nicht mehr weitergehen. Heini wollte mich nicht alleine lassen. So blieben wir zurück. Aber wir sollten mit Hilfe eines Mannes wieder in Tournes zur Gruppe stoßen. Wir lagen dann am Wegrand und sahen, was wirklich vor sich ging. Wir sahen, dass die alliierten Soldaten sich immer mehr zurückzogen und die Deutschen wahrscheinlich schon sehr nahe waren. Man sah immer weniger Flüchtlinge, da die, die weg konnten, schon weg waren und die anderen nicht mehr nachkamen. Die Situation war sehr schrecklich. Wir hatten außer den Kleidern am Leib nichts mit uns. Mein Fuß war immer mehr geschwollen. Wie versuchten die Militärautos aufzuhalten, damit sie uns mitnehmen. Natürlich fuhren alle an uns vorbei.
Plötzlich blieb ein Lastauto mit englischen Soldaten stehen. Wir konnten ihnen recht und schlecht erklären, dass wir Flüchtlinge sind. Wir hatten natürlich auch Angst, dass sie uns erschießen würden oder so, denn sie merkten ja an unserem Akzent, dass wir keine Belgier waren. Sie waren aber so lieb, dass sie uns mitnahmen. Wir gaben ihnen dann den Namen vom Ort und so lieferten sie uns im Gefängnis von Tournes ab. Dort war dann die ganze Gruppe. Ich wurde dann zu einem Gefängniswärter gebracht, der meinen Fuß ansah. Er stellte Blutvergiftung fest.
Daraufhin brachte er einen Kübel mit kochendem Wasser und Schmierseife für meinen Fuß. Mein Fuß war dann zwar ganz verbrannt, aber wahrscheinlich hat er meinen Fuß gerettet, vielleicht sogar mein Leben. Er drückte ihn aus, es kam ganz viel Eiter raus, und verband dann den Fuß.