Elie Topf 15

Ich rauchte damals, aber mäßig. Also begleiteten uns alle zum Zug. Wir hatten gerade so viel Geld, um die ersten Tage dort auszukommen, aber es hat nicht einmal richtig zum Essen gereicht. Das war die Flucht aus Wien. Ich hatte sehr gemischte Gefühle. Wenn man jung ist, dann nimmt man alles viel leichter. Ich musste keine Existenz aufgeben. Ich musste kein Haus aufgeben. Für uns war es viel leichter wegzugehen von etwas, was wir ohnehin nicht hatten. Aber auf der anderen Seite hat man sehr gemischte Gefühle, wenn man sein Heim, seine Geschwister verlassen muss. Wir wussten nicht, wann wir uns wiedersehen würden. Clary und Walter, ihr Mann, sind schon weg gewesen.
Auch David war schon weg, der Mann von Liesl. Liesl ist dann später auch weggefahren. Clary und Walter sind in die Schweiz geflogen mit einem Besuchervisum. Walter hatte eine Cousine namens Reininghaus. Eine sehr bekannte Familie in der Schweiz, die er besuchen konnte. David fand einen anderen Weg. Mit einem österreichischen Pass konnte man mit einer Flugkarte nach Italien. An der Bahn an der Grenze hat man schon die Leute zurückgeschickt. So konnten David und Lisl legal auswandern. Wenn wir Österreicher gewesen wären, dann wäre es für uns leichter gewesen, aber vielleicht wären wir nicht weggegangen und es wäre unser Verderben gewesen. Leider muss ich meinem Vater die Schuld geben, warum wir keine Österreicher waren. Als die Monarchie zerfiel, nach dem ersten Weltkrieg, hatten alle Menschen aus den verschiedenen Teilen der Monarchie die Möglichkeit, Österreicher zu bleiben, wenn sie dem deutschen Kulturkreis angehört haben und für Österreich optiert haben. Also dem Kulturkreis haben wir angehört, weil wir Deutsch sprachen, inklusive Vater und Mutter. Aber mein Vater hat es nicht der Mühe wert gefunden, zu optieren. Und nachher war es dann schon sehr schwer, als Jude was zu erreichen und unter den Nazis sowieso unmöglich. Als wir weggingen war Liesl noch da, Mama, Lotte und mein Vater. Mein Vater, der jetzt mit einer anderen Frau verheiratet war, hat von der Kultusgemeinde den Posten behalten können, den er hatte. Er ist dann noch im Erziehungswesen als Lehrer tätig gewesen, bis zu seiner Verhaftung. Das war glaube ich 1941.
Wir hatten noch Kontakt zu ihm. Er hat einmal nach Brüssel geschrieben. In der Bahn haben wir uns sehr ruhig verhalten, damit wir nicht zu sehr auffallen. Wir wurden von den Leuten angesprochen, wohin wir gehen.
Wir sagten, wir gehen auf Urlaub. Wir wollten die Aufmerksamkeit nicht auf uns ziehen. Natürlich trugen wir keine Hakenkreuze, so wie die meisten Menschen. Aber scheinbar sind wir nicht sehr aufgefallen. Es hat uns niemand in der Bahn belästigt. Die Fahrt war wahnsinnig lang. Es hat die ganze Nacht gedauert. In der Früh sind wir in Köln angekommen. Dort waren wir eine Zeitlang und dann sind wir weiter nach Aachen, wo wir eine Untermiete hatten mit einem verwanzten Bett zu zweit. Und dann sind wir losgezogen. Wir erkundigten uns wie wir über die Grenze kämen. Natürlich wollte uns niemand Auskunft geben. Wir hatten keine Ahnung, wie man das macht. Wir sind mit einer Straßenbahn außerhalb von Aachen gefahren, ausgestiegen und in den Wald hinein. Dann sind wir die ganze Nacht gewandert, gewandert. Nur Heini und ich auf gut Glück. Wir sind dann sehr müde und hungrig geworden und kalt war uns. Da sahen wir ein Haus und wir erkundigten uns dort. Die Frau sprach Französisch mit uns, wir fragten sie, ob wir schon in Belgien seien. Aber sie hat uns nicht geantwortet. Sie wusste was los war. Sie sagte nur, wo wir gehen und nicht gehen sollten. Wir wollten so schnell wie möglich auf einen Zug. Wir sind dann wieder ein Stück mit einer Straßenbahn gefahren und in Eupen wollten wir dann den Zug nehmen.