Elie Topf 14

Österreich ist nicht besetzt worden, Österreich ist befreit worden, sagten die Nazis. Sie fühlten sich auch so, als ob sie in ein befreites Land hineingehen. Es waren nicht sehr viele da, die dagegen waren. Es waren nur einige, die ihren alten Glauben behalten haben, aber es waren sehr wenige. Das war dann das Ende. Das war die Nazizeit. Als ich aus dem Gefängnis entlassen wurde bekam ich eine dreimonatige Aufenthaltsbewilligung. Alle drei Monate musste ich um eine neue Aufenthaltsbewilligung ansuchen. Ich habe sie auch bekommen. Im März 1938 habe ich noch eine Aufenthaltsbewilligung bis Juni gehabt. Es war die letzte. Im Mai oder Juni ging ich dann auf die Polizei, obwohl mich alle warnten, dass ich nur ja nicht gehen solle. Viele Leute waren schon nach Dachau deportiert worden, ohne Grund natürlich. Besonders Leute, die polizeibekannt waren. Ich hatte aber doch noch immer gehofft, dass ich in einem Rechtsstaat lebe. Also ging ich auf die Polizei und sprach mit dem zuständigen Beamten. Ich sagte ihm, dass meine Aufenthaltsbewilligung Ende Juni abläuft, worauf er meinte, dass ich dann halt eben weg müsse. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich ohne Pass und Papiere nicht über die Grenze käme. Da sagte er: „Da müssen Sie sich selber den Kopf zerbrechen, wie Sie das machen“. Weiter wollte ich mich mit ihm nicht herstellen, denn ich hatte Angst, man würde mich gleich dort behalten. So ging ich nach Hause und sprach mit Heini. Heini war in einer ähnlichen Situation, nur dass er noch nicht weg musste. Noch nicht. Aber er hatte auch keine Staatsbürgerschaft. Wir hatten damals nur noch einen losen Kontakt mit unserem Vater. Er lebte schon mit einer anderen Frau. Wir besuchten ihn manchmal oder wir sahen ihn in der Organisation, in der er arbeitete. Er war Manager von der „Jugend in Not“. Dort fragte ich ihn auch um Rat, was ich machen könne. Er brachte mich auch auf die Idee, dass wir nach Belgien gehen sollen. Wir hätten es uns natürlich mit einer Münze aussuchen können – Kopf oder Adler – gehen wir da- oder gehen wir dorthin. Zur Auswahl stand die Schweiz, oder Belgien, oder Frankreich. Tschechoslowakei war schon fraglich, weil wir gesehen haben, wie die Nazis mit den Sudetendeutschen Propaganda machen. Polen war ein Wahnsinn, dorthin zu gehen. So beschlossen wir nach Belgien zu gehen. Wir hatten natürlich kein Geld. Mein Vater gab uns eine Adresse von einem Mann. Außerdem hofften wir, dass die Organisation uns helfen würde. Aber wir wussten nicht, was uns blüht. Also mussten wir uns erst einmal das Geld beschaffen. Wir hatten keinen Groschen und mussten uns erst Geld für die Fahrkarten beschaffen. So gingen wir in Wien hausieren. Wir hatten einen Platz, wo wir Nähnadeln und Zubehör kaufen konnten und dann gingen wir von Tür zu Tür, diese wieder zu verkaufen. Wir hatten nur paar Wochen Zeit. Als wir die paar Groschen beieinander hatten sind wir losgezogen. Hier wurden wir nicht von der Organisation oder sonst wem unterstützt. Alle waren in derselben Situation. Jeder war in derselben „Rue de la kack“. Ratschläge gab es viele, ja. Es gab so viele Ratschläge, dass du nicht wusstest, welche du befolgen sollst. Ich war noch nicht neunzehn Jahre, Heini war vierundzwanzig Jahre alt. Wir waren vollkommen unerfahren und hatten keine Ahnung was uns blüht. Aber wir waren zu zweit. Zur Bahn gingen wir zu acht oder neunt.
Die Mutter kam mit und Ditta, das war damals meine Freundin. Liesl, Lotte und Herta kamen damals mit, anstatt dass wir einzeln gehen. Wir gingen zu Fuß zum Westbahnhof, wir hatten keine Koffer, nur was wir anhatten, vielleicht eine Zahnbürste, nicht einmal eine zweite Unterhose hatten wir, nicht einmal Papiere hatten wir.
Das einzige Papier, das wir hatten, brauchten wir unterwegs.