Elie Topf 11

Ich habe mich halt ein bisserl gekränkt. Mit 16 Jahren bin ich dann doch gewachsen und habe mich ein bisschen entwickelt. So bin ich zum Herrn Meischl gekommen, der mich vertragen hat, der meine Schikanen alle in Kauf genommen hat. Wenn er mich liefern schickte und mir Geld für die Straßenbahn gab, nahm ich das Geld und ging zu Fuß liefern. Vom 9. Bezirk in den 7. Bezirk. Vom Geld, das wir verdienten, haben wir abgeliefert was wir konnten. Natürlich braucht man als junger Mensch auch ein paar Groschen. Und die Mutter war zufrieden, wenn wir ihr was mitbrachten. 
Viel beigetragen haben wir nicht, aber wir haben auch nicht sehr viel verdient. Liesl hat ein fixes Gehalt gehabt. Sie hat einen besseren Posten gehabt, sie hat ein bisschen geholfen. Clary, solange sie zu Hause war, hat auch ein wenig geholfen. Heini hat unglücklicherweise nie einen Posten gehabt. Sehr lange hat er immer Schwierigkeiten gehabt. Warum weiß ich nicht. Vielleicht hat er einfach Pech gehabt. Auf dem einen Posten ist der Mann zugrunde gegangen. Auf dem anderen hat er eine Zeit lang gearbeitet, dann wurde er aus irgendeinem Grund entlassen. Er hat nie sehr viel verdient. Dann war die Illegalität da. Wir haben uns weiter politisch betätigt. Wir haben versucht, Sachen zu verbreiten, Flugblätter oder verbotene Zeitungen. Mein Chef hat geahnt, dass ich politisch tätig bin und er hat mich auch gewarnt. Sein Bruder, der in Polen gelebt hat, war auch im Gefängnis, weil er dort illegal gearbeitet hat. Und er sagte mir: „Eines Tages wird dir das auch blühen“. Und es ist auch eines Tages so gekommen.
Wir hatten eine ganze Gruppe junger Leute bei uns zu Hause. Irgendjemand muss uns verraten haben, dass da irgendwelche Kommunisten oder Sozialisten in der Wohnung sind. Plötzlich kam die Polizei. Ich denke dass ich weiß, wer uns verraten hat. Es war eine Frau aus unserem Haus, die immer zu meiner Mutter kam, wenn sie was gebraucht hat, dann war sie sehr gut. Aber das weiß ich nicht, ich nehme es nur an. Jedenfalls ist plötzlich die Polizei dagewesen. Sie haben uns alle aufs Kommissariat gebracht. Da war ich ca. 17 Jahre alt. Es waren alles Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren. Wir kamen alle in eine Jugendzelle. Und je nachdem was sie wem vorwarfen bekam man bis zu drei Wochen Gefängnis. Das war nur ein Polizeiverfahren. Lotte bekam drei Wochen, ich zwei Wochen.
Die anderen ein paar Tage. Es war auch meine Mutter am Kommissariat. Alle waren dort. Die ganze Familie und alle Kinder. Die einzige, die nicht verhaftet wurde, war Liesl. Sie konnte sich irgendwie mit ihren schönen Augen ausreden. Sie konnte zu Hause bleiben. Clary war auch nicht dabei, denn die war schon verheiratet. Heini wurde in einer braunen Uniform verhaftet. Er war im Bund Jüdischer Frontsoldaten und hatte deshalb diese Uniform an.
Er war gerade von einem Nachtmarsch nach Hause gekommen. Eigentlich waren wir nicht auf diese Verhaftung vorbereitet. Es hätte zu einem anderen Zeitpunkt passieren können, aber gerade dieses eine Mal war es mehr ein gesellschaftliches Treffen als politisch. Es war ein regnerischer Tag. Man wusste nicht wohin zu gehen, so sagten wir sie sollten zu uns kommen. Wir waren ungefähr fünfzehn oder zwanzig und auf einmal war die Polizei da.
Meine größte Sorge war, wie alle wieder rauskommen, ohne längere Zeit auf der Polizei zu bleiben. Lotte wurde sofort von allen anderen abgesondert. Sie dachten vielleicht sie sei die Anführerin. Sie war aber eine der Jüngsten. Das muss 1936 oder 1937 gewesen sein. Auf jeden Fall war es im Frühjahr. Im selben Jahr bin ich im Herbst noch einmal verhaftet worden. Ich habe einen Artikel für eine Zeitung geschrieben.