Elie Topf 10

Das soziale Leben hat sich ab einem gewissen Alter mehr in Vereinen abgespielt. Ich weiß nicht, wie ich zu den Falken gekommen bin. Es hat mir dort sehr gut gefallen, denn man hat mich nicht gefragt, ob ich Jude bin oder nicht. Man hat mich nicht gefragt, ob ich finanziell was leisten kann oder nicht. Wir waren alle ungefähr im gleichen Boot. Es waren einige Junge, die auch in die Realschule gegangen sind. D.h. sie haben eine höhere Bildung angestrebt. Ich habe nicht dafür bezahlen müssen. Es hat andere gegeben, die einem geholfen haben, wenn man es sich nicht leisten konnte. Außerdem hat es was gekostet in die Realschule zu gehen, aber man musste auch ein guter Schüler sein, um dorthin zu gehen und auch das war problematisch. Man muss zurückdenken. Meine erste Aufgabe habe ich bei Petroleumlampenlicht geschrieben. Ich konnte kaum etwas sehen. Es ist nicht so einfach wie heute gewesen und das hat sich natürlich auf die Leistung in der Schule ausgewirkt. Wenn man noch dazu vom Lehrer behindert wird, der einen beschimpft, anstatt anzuspornen. In der Hauptschule hatte man mehrere Lehrer.
Einen Lehrer kann ich nicht vergessen, weil er so menschlich war. Er war zwar ein frommer Katholik, aber er hat nie auf eine andere Religion geschimpft. Er wollte, dass alle in der Früh beten sollen, aber er hat nie die Kinder aufgefordert so zu beten, wie er es macht. Jeder sollte aufstehen und in Ruhe zu seinem Gott beten wie er will.
Er war auch sonst sehr menschlich und tolerant. Er hat Dinge übersehen, wenn er gewusst hat, dass Probleme da sind, wegen der schlechten Verhältnisse zu Hause. Wir kommen nun zu der Zeit, wo die Roten Falken ihr Ende gehabt haben. Begonnen hat die Unterdrückung der Partei und die Auflösung der Organisationen 1933.
Meine Mutter hat gewusst wo wir sind, sie hat gewusst, dass wir da gut aufgehoben sind. Es war eine Gemeinschaft, bei der jeder seinen Teil beigetragen hat. Für mich war das die zweite Schule. Man hat mich dazu gebracht, dass ich viele Bücher lese, nicht weil ich muss, sondern damit ich mitsprechen kann. Man hat die Weiterbildung gefördert und es hat mir sehr viel in meinem Leben geholfen, da ich lernte mich selbst weiterzubilden. Die Roten Falken sind dann 1933 verboten worden. Der 12. Februar 1934 ist ja von der Geschichte bekannt. Es ist das Ganze in eine Diktatur umgewandelt worden. Wir sind natürlich nicht plötzlich verschwunden, wir haben ja unsere Freunde gehabt von den Roten Falken. Und da hat es auf einmal geheißen wir sind jetzt nicht mehr Rote Falken, jetzt heißen wir Revolutio­näre Sozialisten. Jetzt hat die Illegalität begonnen. Wir wollten weiter dazuschauen, dass wir wieder einmal legal werden und haben uns politisch weitergebildet. Zur gleichen Zeit haben wir auch versucht, wissenschaftliche und wirtschaftliche Kurse zu besuchen, um uns weiterzubilden, was wir auf der Volkshochschule tun konnten, die sie zum Glück nicht verboten haben. Nach der Arbeit waren wir dann dort. Ich habe den ganzen Tag schwer gearbeitet und wenn ich dann am Abend in den Kurs gegangen bin, sind mir oft die Augen zugefallen, weil ich müde war.
Ich war in nicht sehr guter gesundheitlicher Kondition. Ich war sehr schwach. Wir haben auch samstags gearbeitet, es hat eine 48-Stundenwoche gegeben. Ich war ein unterernährtes Kind. Die Arbeit habe ich als Praktikant bekommen bei der Firma Albert Matzner, die heute noch existiert. Das war damals in der Kohlmessergasse, die heute auch nicht mehr existiert. Das war damals nur ein Versuch, bevor ich bei den Schuhen gearbeitet habe. Ich sollte im Lager arbeiten. Der Lagerverwalter wollte, dass ich die 100 kg schweren Kisten hereinbringe. Aber das konnte ich natürlich nicht. Meine Stimme war so, dass, wenn ich am Telefon in der Mittagspause ausgeholfen habe, man mich „Fräulein“ nannte. Natürlich war ich schockiert, dass man zu mir Fräulein gesagt hat.