Elie Topf 12

Damals war der Bürgerkrieg in Spanien und darüber habe ich geschrieben. Es hat nichts mit Österreich zu tun gehabt. Aber es hat damit zu tun gehabt, dass sich Freiwillige melden sollten, um nach Spanien zu gehen. Ich hätte einen Mann treffen sollen. Aber am Weg dorthin traf ich einen Freund von mir, der damals schon sehr polizeibekannt war. Es war Kaki. Ich warnte ihn, mit mir zu gehen. Und in demselben Moment war schon ein Kriminalbeamter da. Ich glaube er hatte Kaki beobachtet. Ich kam wieder auf die Elisabethpromenade. Man konnte mir natürlich nichts beweisen, weil ich alles abstritt. Damals bin ich zu einer Polizeistrafe verurteilt worden, zu drei Monaten. Weil ich kein Österreicher war wollten sie mich am Ende der Haft abschieben. Und zwar nach Polen. Ich war staatenlos. Meine Eltern waren auch staatenlos, aber nach österreichischem Gesetz waren sie Polen und nach polnischem Gesetz waren sie staatenlos. Nach dem Vorkriegsgesetz waren sie Österreicher. Unsere Situation war sehr kompliziert und so konnte es gemacht werden, wie man hat wollen. Als meine Strafe zu Ende war, wusste ich, dass ich da nicht mehr rauskomme. Spät am Abend rief man mich plötzlich und ich kam doch raus. Clary war bei einem Rechtsanwalt angestellt. Sie hatte Verbindungen mit anderen Rechtsanwälten und hat einen gefunden, der mir half.
Der Unterschied zum ersten Mal war, dass ich diesmal eine Strafe bekam. Das erste Mal hatten wir keine Strafen bekommen, sie ließen uns nur einfach sitzen. Sie konnten uns ja auch nichts beweisen. Bei der zweiten Verhaftung war ich ca. drei Wochen in Einzelhaft. Es gab immer Verhöre. Aber ich habe eine gute Natur. Ich hab‘ recht viel Klopapier gesammelt. Das Klopapier war eine zerschnittene Zeitung. Ich hab‘ es versteckt und immer wieder eines verlangt. Das habe ich mir dann gesammelt und habe gesehen, ob ich mir einzelne Teile zusammenstellen kann.
Und dann fand ich Artikel zum Lesen. Und dann las ich es noch einmal und dann begann ich Buchstaben zu zählen. Dann ging ich in der Zelle hin und her und habe mir meine Lieder gesungen und was vorgepfiffen. Man findet sich immer was als Beschäftigung. Ich hatte absolut keinen Kontakt zu anderen, keinen Besuch. Auch als ich aus der Einzelhaft kam, durfte ich keinen Besuch haben. Ich durfte schreiben, es wurde zensuriert. Dann kam ich mit einer Gruppe illegaler Nazis zusammen in eine Zelle. Es war nur für Jugendliche. Das war Ende 1936. Das weiß ich, denn dann habe ich noch ein Jahr in Wien gearbeitet, in verschiedenen Fabriken als Hilfsarbeiter, da ich keine Gesellen­prüfung mehr machen konnte. Mein Meister war nach meiner Verhaftung gezwungen, mich aus der Lehre zu entlassen. In den Fabriken wurde ich als Hilfsarbeiter angestellt, obwohl ich die Arbeit eines ausgelernten Gesellen machen musste. Es war sehr schwer. Im Sommer wurden immer alle entlassen, damit kein Urlaubsgeld gezahlt werden muss. Nach dem Sommer wurde man wieder aufgenommen. Das war die soziale Situation in Österreich.
Bis Ende 1937 habe ich immer irgendwo gearbeitet. Dann wurde ich wieder krank, weil ich schwach war. Ich verlor meinen Posten. Eines Tages haben wir dann die Hakenkreuzfahnen wehen gesehen. Wir waren sehr optimistisch und dachten, es würde doch noch eine Rettung geben. Es gab Demonstrationen für Österreich. Sehr oft sind wir in die Stadt gezogen und dort hat man sich mit den Vaterländischen, die uns vorher eingesperrt haben, verbündet, um eine Rettung für Österreich zu suchen. Es war aber alles zu spät. In der Polizei waren wahrscheinlich schon während der ganzen Zeit Nazis. Es war doch der Putsch von 1934 im Juli, wo Dollfuß ermordet wurde. Da gab es dann schon sehr viele Nazis in der Polizei und wahrscheinlich auch im Heer.