Elie Topf 04

Ich bin immer sehr gerne in die Schule gegangen und schwänzte nur, wenn meine ältere Schwester Liesl schwänzen wollte. Da ging ich dann mit ihr. Ab und zu war das der Fall. Sie war aber eine gute Schülerin. Wir fütterten die Tauben im Park mit unserem Jausenbrot. Im Winter haben wir dann immer sehr gefroren. In der Klasse gab es normalerweise römisch-katholischen Religionsunterricht. Alle die nicht katholisch waren mussten an einem anderen Religionsunterricht teilnehmen. Wir, mit der jüdischen Religion, waren genug Schüler, sodass der Lehrer zu uns in die Klassen kam. Religion war ein Teil des Unterrichtsprogramms. Im Frühjahr des Jahres 1927 konnte meine Mutter die Miete nicht mehr bezahlen. Sie war krank. Ich glaube sie hatte einen Abortus. Meine Mutter war sonst nie krank. Plötzlich lag sie im Bett und konnte sich nicht rühren. Sie hatte Schmerzen. In dieser Zeit konnte sie nicht arbeiten und die Miete nicht bezahlen. Außerdem wollte scheinbar der Hausherr unsere Wohnung haben. So nützte er diese Situation aus, um uns zu delogieren. Ich war damals noch keine acht Jahre alt. Als ich an diesem Tag von der Schule nach Hause kam, da sah ich einen großen Wagen vor der Türe stehen. Männer trugen unsere ganzen Möbel, die paar, die wir hatten heraus und verluden sie auf einen Möbelwagen. So erfuhr ich, dass wir keine Wohnung mehr hatten. Es war ein sehr unangenehmer Tag. Es war kalt und wir wussten nicht mehr wohin. Am Abend nahm meine Mutter meine kleine Schwester und mich und wir gingen auf die Elisabethpromenade. Dort war das Polizeigefängnis und wir kamen in eine Zelle, wo wir übernachteten. Mein Vater war auch mit, aber er musste in einer anderen Zelle schlafen. Wir schliefen mit zwei oder drei anderen obdachlosen Frauen in einer Zelle auf Strohsäcken, ohne Leintuch mit einer grauen Decke zum Zudecken. In der Früh erhielten wir einen schwarzen Kaffee und vielleicht ein Stück trockenes Brot. Was es war, weiß ich nicht mehr, aber als wir von da in der Früh wieder weggingen, waren wir nicht sehr satt. Meine Mutter musste sich dann um ein neues Quartier umsehen, aber sie konnte erst nach zwei Tagen eines finden. Sie fand eine Untermiete. Wir hatten aber kein eigenes Zimmer, sondern teilten mit einer Familie einen Raum. Der war in der Bäuerlegasse bei einer gewissen Frau Brauner. Ihre Wohnung bestand auch aus drei Räumen.
Das sogenannte Kabinett war an ein junges Ehepaar vermietet. Wir durften den Raum nie betreten, es war auch immer abgesperrt. Wir mussten die Küche mit Frau Brauner und noch einem Herrn teilen. Und im Zimmer hat dieser Herr, der auch ein Untermieter war, ein rothaariger Schuster, am Tage seine Schuhe gerichtet und am Abend hat er das ganze Werkzeug und den Schemel in eine Ecke geschoben, hat das Ganze mit einem schmutzigen Tuch bedeckt und wir konnten dort am Boden schlafen. Die älteren drei Geschwister Clary, Liesl und Heini haben bei Freunden geschlafen. Die Jüngsten, also Lotte und ich, haben mit der Mutter dort geschlafen. Ich weiß gar nicht, ob mein Vater da war oder nicht. Zumeist war er ja nicht da. Vielleicht war er aber auch da. Wir haben den Vater nie gefragt, wo er hingeht. Wir haben ihn nicht zu fragen gehabt. Es war ein ganz eigenartiges Verhältnis. Er war nicht sehr lieb zu uns. Für uns waren Mutter und Vater vereinigt in der Mutter. Wenn wir irgendwelche Probleme gehabt haben, haben wir sie nur mit der Mutter lösen können. Zum Vater hat man über solche Sachen nicht gesprochen.
Er hat auch uns gegenüber selten etwas gesagt. Nur geschimpft hat er mit uns. Wenn wir uns nicht richtig ausgedrückt haben oder wenn wir etwas gemacht haben. Wir haben uns vor ihm gefürchtet. Manches Mal hat er uns geschlagen, wenn wir uns nicht richtig benommen haben. Wenn sein Zorn wieder vorbei war, war er dann wieder ruhig und ok. Ich kann mich nicht erinnern, dass er die Mutter geschlagen hat.