Elie Topf 05

Sie hat sich immer zwischen ihn und uns gestellt, damit er uns nicht schlagen soll. Einige Wochen waren wir in der Bäuerlegasse. Ich komme jetzt auf die Situation von Hanju zurück. Hanju war immer im Haus. Sonntags wusch sie sich manchmal schön, zog sich ein neues Kopftuch an und ging in die Kirche. Ihr ganzes Sehnen war in die Kirche zu gehen. Sie hat uns da mitgenommen. Wir spielten währenddessen im Park vor der Brigittakirche. Hanju war unsere zweite Mutter. Sie war sehr lieb, hat uns beschützt, hat uns manchmal in die Schule geführt und manchmal in der Früh das Frühstück vorbereitet. Sie war immer zu Hause. Einmal, als alle nicht zu Hause waren, kam ein Mann zu Ihr und hat sie „beschattet“. Sie hat keinen Geliebten gehabt. Das war ein Mann aus der Nachbarschaft, der da vorbeikam. Eines Tages sagte meine Mutter zu Ihr: „Hanju, was ist los mit dir? Ist dir was passiert? Du wirst auf einmal so dick“. Sie wusste von nichts. Aber meine Mutter hat es schon bemerkt. Also sie hat ein Kind bekommen. Sie ist im Spital gelegen, es war ein schöner Bub. Der Pfarrer ist gekommen und wollte das Kind taufen. Also war die Frage, wie das Kind heißen soll. Sie verstand kein Wort. Also sagte er: „Soll er Peter heißen oder Karl?“
Sie sagte: „Peter Karl“. Das war dann der Name. Peter Karl Krawtschuk. Dann ist die Gemeinde Wien gekommen und wollte sie abschieben, weil sie keine österreichische Staatsbürgerin war. Meine Mutter wollte für Hanju offiziell bürgen und für sie aufkommen. Daraufhin sah man in den Papieren der Mutter nach und fand heraus, dass die Frau Topf oder Sontag, wie wir damals geheißen haben, nicht genug verdient, um ihre Kinder zu erhalten. Und man drohte ihr, die auch gleich abzuschieben, falls sie nicht gleich ruhig sei, nach Polen. Und da war meine Mutter gleich ruhig und konnte leider Hanju nicht vor dem Abschub retten. So ist Hanju mit ihrem Peter Karl in die Ukraine abgeschoben worden. Man hat sie direkt von der Kinderklinik in der Glanziggasse weggebracht. Wir gingen nicht zum Bahnhof und haben sie nie mehr gesehen. Da sie weder lesen noch schreiben konnte, konnten wir später keinen Kontakt mit ihr aufnehmen. Wir hatten aber auch keine Adresse von ihr und wussten nicht, was mit ihr passiert ist. Wir haben nichts mehr von ihr gehört und waren sehr traurig. Sie war so wie ein Familienmitglied gewesen. Es war aber in einer Beziehung gut, denn dann war unsere Delogierung und wir hätten auch noch mehr Schwierigkeiten gehabt. Mein Vater, der ein großer Vereinsmensch war, hat Verbindungen gehabt in der Sozialdemokratischen Partei, er hat viele Funktionäre gekannt. Da hat er sich endlich bemüht, uns eine Wohnung zu verschaffen. Inzwischen konnten wir nicht mehr in der Bäuerlegasse bleiben. Es war ein unmöglicher Zustand. Die Besitzerin der Wohnung hat uns furchtbar zugesetzt. Wir durften nicht laut sprechen. Andere Kinder durften nicht auf Besuch kommen.
Die Mutter konnte nicht arbeiten. Es war unmöglich. So ist meine Mutter auf Wohnungssuche gegangen. Überall hieß es, wir vermieten ohne Kinder, nur Erwachsene. Sie nahm meine Schwester mit auf Wohnungssuche. So kam sie zu einem Mann in der Rembrandtstraße, er war ein älterer jüdischer Mann, der da mit seiner Frau gelebt hat. Er hat eine ganz schön große Wohnung gehabt. Dieser Mann war bereit, ein Zimmer mit Küchenbenützung abzugeben. Aber er sagte er möchte keine Kinder haben. Meine Mutter wollte nicht lügen, aber sie hat nicht ganz die Wahrheit gesagt. Sie sagte: „Was wollen Sie, das ist so ein liebes herziges Mäderl. Die macht ja kaum den Mund auf“.