Claire Felsenburg 14

Er ist zu den Betten und hat sie gestreichelt und auf Polnisch gesagt: „Mama wir haben jetzt neue Betten und das ist wunderbar, nicht mehr auf dem schlimmen harten Boden zu schlafen“. Das Kind war glückselig. Wir waren alle im Hof, der so eng war, dass man kaum den Himmel sehen konnte. Das war in Wien ganz am Anfang, nach ein paar Nächten. Aber in dieser Nacht hat das Kind hohes Fieber bekommen, gewimmert, sich im Bett gewälzt. Da haben sie die Adresse von Dr. Kraus, einem Mediziner im 20. Bezirk bekommen. Mein Vater hat ihn in der Nacht rausgeholt. Er hat das Kind untersucht und Lungenentzündung festgestellt. Der Arzt sagte dann, er komme am nächsten Tag in der Früh wieder, aber in der ersten oder zweiten Nacht ist er dann gestorben. Es war sehr tragisch und traurig...
Das war der Beginn in Wien. Wir sind zum Friedhof, das Kind wurde begraben und zurückgelassen...
Es war so schwer für die Eltern, das zu erleben und das Kind zu verlieren. Meine Mutter hat während dem Krieg sich vorgenommen, Suppen und Gemüse für Flüchtlinge zu kochen, sowas wie eine Suppenausspeisung. Sie ging zu einem Bäcker von der Hintertür, obwohl ja alles rationiert und gegen das Gesetz war. Aber er hat von den eigenen Vorräten Mehl gehabt und Brot gebacken und sie bekam es. Sie holte das öfters von der Hintertür. Manchmal brachte er es ihr sogar. Sie mietete dann ein kleines Lokal in der Streffleurgasse-Karajangasse. Damals gab’s nur Kutschen und Lieferwagen...
Aber irgendwer hat meine Mutter angezeigt und einmal wurde sogar das Brot beschlagnahmt. Vieles musste ich mir selbst zusammenreimen, denn sie erzählte uns nicht alles so genau. Sie hat ja nichts getan, als täglich Suppen gemacht und alle haben sich daran delektiert für paar Groschen, mit einer frischen Scheibe Brot. Aber da alles im Krieg rationiert war, war es schlimm mit dem extra Brot, aber das half, dass sie Fremden, die nichts hatten was zu essen gab. Dadurch hatten wir auch was zu essen zu Hause. Mein Vater war beim Militär und als er zurückkam sagte sie ihm, dass sie nicht genug Sitzgelegenheiten hätten, also ging er zu einem Holzbauplatz und kaufte Holz, um Holzbänke zusammenzuzimmern, obwohl er nie Tischlerarbeiten gemacht hatte. Aber so konnte man doch die Leute sitzen lassen. Die Polizei wollte sie anzeigen, aber angeblich, obwohl es kein angeblich gibt, so wie ich die Wiener Polizei kenne, hat sie die Leute lassen. Mein Vater war in einer Gruppe die sie jüdische Miliz nannten, es war so wie eine jüdische Polizeigruppe. Ich weiß nicht wo er war, ich weiß nur, dass er zurück kam oder auf Urlaub war und dann war die Mutter wieder schwanger. Das Ganze war ziemlich kompliziert. Dieses Zimmer, das ein Geschäftslokal war, war kein Platz, wo man jemanden unterbringt. Da war noch eine lange Küche dabei. Am Abend waren Sessel mit Brettern und Matratzen drauf und in der Früh ist das weggekommen. Das heißt die Kinder haben auf den Sesseln geschlafen. Die Liesl hat das „Geläger“ genannt. In der Früh sind die Betten verschwunden und niemand wusste, dass das zur selben Zeit ein Schlafzimmer war. Es war ein Eingang wie zu einem kleinen Geschäftsladen, wenn man die Türen geschlossen hatte, dann hat man die Sessel und Matratzen aufgestellt und in der Früh wieder weggeräumt. Zum Schluss, wie dann später noch Hanju zu uns kam, hat sie in der langgestreckten Küche, die zum Hof ging, geschlafen.