Claire Felsenburg 13

Ich war in einer Weise ein Opfer, denn kurz darauf habe ich in Budapest Diphtherie bekommen. Das war sehr schlimm, die Leute in Budapest sprechen Ungarisch. Ich hatte kaum Polnisch gekonnt, was ein dreijähriges Kind eben kann. Aber sofort als sie feststellten, dass ich Diphtherie habe, haben sie mich in Quarantäne gegeben, in ein Spital und weg von allen. Mein Vater kam mich dann besuchen, mit weißem Kittel und musste sich die Hände sterilisieren. Kaum dass man ihm erlaubte hereinzukommen. Das Schlimme war, ich weinte, weil ich nicht Ungarisch konnte und die nicht Polnisch sprachen. Ich war verzweifelt, denn es gab keine Kommunikation. Mein Hals erwürgte mich mit der Diphtherie. Ich war sehr einsam in einem langgestreckten Raum. Als mein Vater mich dann besuchte mit besonderer Bewilligung, hab ich den Zipfel von dem weißen Rock oder Mantel festgehalten und ihn nicht mehr weglassen. Ich sagte ihm, dass er nicht mehr weg darf, aber er hatte nur kurze Besuchsbewilligung.
Es war ja auch Ansteckungsgefahr. Das war eine der schlimmsten Erinnerungen. Das weiß ich so, wie wenn es heute wäre. Ich war schrecklich einsam und keine Sprache zu haben, das war das schlimmste, denn keiner hat den anderen verstanden. Zu Hause haben die Eltern untereinander Jiddisch gesprochen und als Kind habe ich dann ein bisschen Polnisch gelernt. Später in Wien bin ich in eine polnische Spielschule geschickt worden von meiner Mutter. Das war ein großer Fehler, denn wie ich dann in die erste Klasse gekommen bin, war ich das polnische Kind und hab kein Wort Deutsch können. Nach ein paar Jahren hat sich das dann gebessert zu meinen Gunsten. In der 3. und 4. Klasse habe ich dann Aufsätze geschrieben, die die Lehrerin dem Direktor gezeigt hat, der so begeistert war, dass er es der ganzen Schule vorgelesen hat. Wenn dann der Schultag zu Ende war, sind die Kinder hinter mit nachgelaufen und haben die letzte Zeile, die lustig war mir nachgerufen. Daraus hab ich gesehen, dass es in der Schule bekannt war, aber da konnte ich schon Deutsch sprechen. Wir waren ein Jahr in Budapest. aber es war nicht gut, weil mein Vater irgendwelche Arbeiten in einer Erzeugung von Kleidern bekam. Dann sagte meine Mutter, wir haben nicht genug.
Sie ging zum Chef der Firma und der gab ihr auch Arbeit. Sie konnte ja besser nähen als er. Sie nahm sich Arbeit mit nach Hause, da sie die Kinder nicht allein lassen konnte. Er war dort untertags und sie hat sich Arbeit geholt.
In einem Winkel haben sie es aufgestapelt. Ich glaub der Vater war eifersüchtig, weil sie mehr verdiente, oder der Chef bevorzugte sie. Als ich aus dem Spital geheilt zurückkam, musste man ein Zertifikat haben, dass ich geheilt bin, vom Gesundheits­amt bestätigt. Das war alles sehr formell. Dann beschlossen sie, sie bleiben nicht in Budapest.
Es war nicht gut genug, oder was immer es war. Ich hatte damals zwei Brüder, Heini und Salo. Salo starb in Wien. Die Fahrt nach Wien war eine normale Reise. Ich weiß nur, wir sind da angekommen und dann zu Fuß vom Bahnhof so lange gegangen, bis wir in der Bäuerlegasse angekommen sind. Das war eine Flüchtlingsgegend. Wir sind von Haus zu Haus gegangen, da hingen immer Zettel was zu vermieten war. Aber die Leute oder der Hausherr oder Hausmeister wollten keine Leute mit drei Kindern. Er hat nichts gehabt als einen langgestreckten Raum mit feuchten Wänden, von denen der Verputz herunter fiel. Wir haben zuerst auf dem Boden geschlafen, dann hat man beschlossen, man muss doch Betten haben. Die Eltern sind dann auf den Tandelmarkt und haben dann zwei große massive Betten gekauft. Wir hatten aber keinen Platz, keine Küche, nichts, nur einen Spirituskocher. Das eine Kind, Salo hat sich sehr gefreut.