Claire Felsenburg 12

Interview-Transkription: MC Kassetten
Claire Felsenburg im Dialog mit ihrer Nichte Marianne, 2.4.2000

Ich wurde in Lemberg / Lwow geboren. Ich kann mich an die Jahre dort nicht so erinnern. Wir waren drei Kinder, die geflüchtet sind, drei kleine Kinder in einem Wagen. Die arme Mutter hat das vorwärts gebracht und das war sehr schlimm. Die ganze Stadt hat gebrannt, das muss 1914 gewesen sein. Einzelheiten weiß ich nicht. ich weiß nur, dass alle in Kolonnen gewandert sind, zwischen den Kosaken, weg vom Feuer und jedes Mal hat eine neue Stadt oder Dorf gebrannt, wohin sie gekommen sind. Es war ziemlich arg, ich habe geschrien, eine Nacht waren sie da und konnten nicht bleiben, weil das Feuer ausgebrochen ist. Dann sind sie wieder geflüchtet zu einem anderen Platz. Kaum, dass sie wo übernachten konnten, denn es war alles überfüllt, auf Strohsäcken. Es war sehr schlimm und sie haben sich so beeilt zum Weglaufen, es war Panikstimmung. Man wusste nicht wohin man flüchtete. Es hat geheißen Feuer, die Stadt brennt, alles ist angezündet und man ist in Panik weg. Ich habe keine Ahnung wie lange, oder was. Es war nur schlimm, weil sie haben sich Essen eingepackt, ein Laib Brot oder was, den haben sie dann in der Eile vergessen. Die Wäscherin haben sie zurück gelassen, denn die hat in der Eile ihre Schuhe nicht gefunden, die mussten aber weg, also ließen sie sie zurück. Mich hat das beeindruckt. Es kann sein, dass ein Teil dieses Erlebnisses, Erzählungen der Mama sind und ein Teil meine Erinnerung. Wir haben später oft über die Flucht gesprochen.
Ich erinnere mich, was mich so beeindruckt hat. Wir haben das Essen zurück gelassen. Und mein Vater ist zu einem Soldaten gegangen, zu so einer Schildwache und hat ihn um ein bisschen Brot gebeten und ein bisschen Wasser.
Ich weiß nicht was sie mit den Kindern machten, denn die anderen waren Babys, zwei Jahre und ein Jahr. Was die wirklich gegessen haben, oder ob sie gehungert haben, das weiß ich alles nicht. Denn dieses alte Brot hat nicht ausgereicht für alle. Es war sehr tragisch, weil wenn man sich was vorbereitet und dann läuft man weg, dann hat man gar nichts. Zuerst sind wir zu einem Zug, der mit Menschen vollgestopft war. Kein Kondukteur, keine Amtsperson, niemand. Meine Eltern haben das Wagerl geschoben, mein Vater hat das Bettzeug am Rücken gehalten. Die Waggons waren aber voll und wir hatten keinen Platz. Es hat aber dann doch einen Platz gegeben, im Kondukteursstübchen mit einer kleinen Bank für eine Person. Auf einem Sitz war die Mutter mit dem Baby, daneben war gerade noch Platz für meine Füße, dass ich heraussehen konnte. Da waren wir zwei Personen, vis-à-vis ist der Vater gestanden und hat den Heini am Arm gehabt. Ich weiß, es hat zu gießen begonnen, es war schwarze Nacht und stürmisch, aber wir waren auf dem Zug. Mutter und Vater waren sich gegenüber und die Kinder rundherum.
Wir sind nach Ungarn gefahren, es war vielleicht eher Sommerzeit. Bevor wir in Ungarn angekommen sind, ist die ungarische Bevölkerung, meist Frauen zum Empfang des Flüchtlingszuges gekommen mit Körben voll mit Essen.
Die waren sehr gastlich und alle Flüchtlinge haben sich gelabt an diesem Essen. Alle haben darüber gesprochen.
Die Flüchtlinge waren begeistert, denn sie hatten nicht erwartet, dass jemand sie empfangen würde. Es war schon eine große Sache. Wir sind in Budapest ausgestiegen.