Ich konnte das alles nicht glauben und es ging mir nicht aus dem Kopf, bis ich Herta zur Rede stellte und sie mich um Verzeihung bat und sagte, sie musste das alles so angeben. Da hatte ich die große Proletin also. Also wenn ein Mensch, der an solche Theorien und die Menschen glaubt und so verhaftet ist in diesen Gedanken, dass er beginnt selbständig zu denken. Bis zum Schluss ist es mir immer in allen Situationen so ergangen. Bei der Gestapo, später in Malines, später in Auschwitz, wo man gleich an mich heran trat mit Fragen, ob ich den oder jenen getroffen hätte und ich nicht wusste, was passiert ist. Bis ich dann erfuhr, dass das Menschen waren, die sie dann auch verurteilen wollten. Ich hatte nicht so einen Ruf gehabt. Und der Alfred Klahr, den ich traf, der war ein ZK-Mitglied, der schon vorher ein paar Mal vor Parteigerichten gestanden war. Aber das wusste ich nicht. Das erfuhr ich erst nachher, nachdem man ihn zur Flucht geschickt hatte und nachdem er erschossen worden war. Dann machte ich mir halt Gedanken, warum das oder jenes passiert ist. Aber auch noch nach dem Krieg wollte ich noch immer den Sozialismus aufbauen und ich bin mit ihnen gegangen. So schnell kann man sich nicht abseits stellen, sicher nicht. Ich wollte mit ihnen nach Wien fahren und den Sozialismus aufbauen. Frag deinen Papa warum er aus England zurückgekommen ist, dann wirst du dasselbe hören. Das ist ein Fanatismus, den man nicht so wegtun kann.
Und auch heute, wenn wer etwas über die russischen Soldaten sagt, über die lasse ich nichts kommen. Warum sollte ich auch, sie haben mich doch befreit. Eine zweite Frage ist das System, dem sie angehört haben, wenn man weiß, was da alles passiert ist. Wenn aber unsere großen Genossen, wie die Hedy Urach, oder der Kaserl und der Otto Strobl, die alle aus Moskau oder Leningrad kamen, uns große Moralpredigten hielten und dazu sagten, dass es in der Sowjetunion soweit sei, dass die Menschen alles umsonst bekommen was sie zum Leben brauchen und wir das alles glaubten, dabei hatte Stalin einen Pakt mit Hitler geschlossen und alles wurde rationiert und es war fürchterlich, dann haben sie uns eigentlich von hinten und vorne belogen, denn sie haben es ja selbst erlebt. Warum haben sie uns solche Sachen erzählt, aber wir haben es auch geglaubt. Noch viele Jahre später, kann ich mich erinnern, habe ich die Frau Schüller, die bei uns auf Besuch war, gefragt, wie es möglich sei, dass sie sagen, die Geheimpolizei in der Sowjetunion hätte sich so benommen, wie die Gestapo. Alle hätten immer Angst gehabt, dass es plötzlich an der Tür klopft. Warum hat niemand darüber gesprochen? Und sie sagte, wenn sie darüber gesprochen hätten, dann hätte man uns in ein Lager gebracht, wo viele hingekommen sind und jahrzehntelang gesessen sind. Aber trotzdem verstand und verstehe ich nicht, warum man die Menschen anlügen musste und sagen musste, alles sei so wunderbar. Das ist ein Wahnsinn. Oder Genia Lande, was die uns erzählt hat. Da wurden wir alle ins Taborkino eingeladen und sie hat eine Rede gehalten zur sozialistischen Revolution. Es war eine so feurige und rührselige Rede, dass uns fast die Tränen herunter geronnen sind. Dann stellte sich heraus, dass ihr Mann verhaftet war, weiß Gott wie viele Jahre, darüber kein Wort, dass sie schikaniert wurden, darüber auch kein Wort. Das ist für mich Lüge. Und egal wem ich das erzählte, sagten alle, dass es wirklich so war, und die Leute wirklich verhaftet wurden. Aber auch deshalb muss man doch nicht lügen. Wir hatten doch in Österreich nicht so ein System.