Also die Moral damals meine ich folgendermaßen, egal mit wem ich zusammengekommen bin, egal mit wem ich mir eine Hetz gemacht habe, hat es geheißen, dass ich keine Moral habe und mit Burschen herumlaufe, obwohl das alles völlig harmlos war. Noch bevor die Nazis dort waren, aber auch nachher, war ich auf einem Jugendlager, wo wir alle beisammen waren, wie der Bob (Zanger) oder die Herta, der Kandel (Herbert), der noch heute ein großer Macher in der Kommunistischen Partei ist. Es waren halt ein paar Burschen und ein paar Mädel. Der Benno war in einem Umschulungslager, um einen manuellen Beruf zu erlernen. Es waren auch belgische jüdische Jugendliche, die auch alle einen besonderen Umschulungskurs dort machten. Die Moral war, dass Benno verhaftet wurde und ich renne da mit diesen Burschen herum. Dann ist der Felix Kreisler aus Paris gekommen, der mir auch nachgestiegen ist. Vielleicht haben wir miteinander getanzt, aber es war überhaupt nichts. Dann hat es einen Spanienkämpfer gegeben, Francisco vom KJV in Spanien. Der wollte mir Spanisch beibringen und ich fand das eine gute Idee, da ich Französisch sowieso nicht gut konnte, vielleicht würde ich Spanisch lernen. So traf ich ihn öfters im Park, wo er mir Stunden gab, bis er sagte, wenn ich gut lernen wolle, dann müssen wir miteinander schlafen. Auf das hinauf schickte ich ihn weg, er brauchte nicht mehr zu kommen. Egal wie, wurde gesagt, ich renne mit den Burschen herum, aber die Herta ist eine echte Proletin. Ich weiß genau, warum das gesagt wurde. Es war die Hedy Urach, die das sagte.
Sie kam als große politische Führerin, Mitglied des Zentralkomitees nach Brüssel, um uns zu instruieren und politisch zu schulen. Hedy Urach hatte sich mit einem zusammengetan, den wir Kaserl nannten, er hieß Franz Wrba. Er war der parteipolitische Instruktor, noch bevor die Deutschen einmarschierten. Er kam immer zu uns in die Mansarde mit seiner Pfeife und hat sich mit uns eine Hetz gemacht. Wer hält es denn allein aus, jeder braucht Menschen zum Reden. Wir wohnten dort mit unseren Brüdern und er kam untertags. Eines Tages, gleich nachdem wir ihn auch kennengelernt hatten, kam die Sûreté, das war die Polizei, die Geheimpolizei, zu uns, um uns auszuhorchen. Und der kam jede Woche und war so nett, dass wir schon sagten, dass er sich setzen solle. Wir haben halt geblödelt, so wie halt die Jugendlichen sind. Die Hedy Urach war mit dem Wrba liiert. Und die Herta und der Julio waren mit Hedy und dem Kaserl sehr gut. Herta hatte die großen Funktionäre immer sehr gerne und ging auch zu ihnen, um die Wäsche einzusammeln und zu waschen und zu bügeln für sie. Also dadurch hatte sie einen anderen Kontakt zu ihnen als ich. Ich habe es halt nicht leiden können, dass man solche dummen Sachen sagt. So wie auch zum Beispiel die Gundl, die mich fragte, ob ich die Revolution im Palast machen will, weil es geregnet hatte und ich zu spät zu einem konspirativen Treffen kam. So hat sie mich vor allen herunter gemacht. Aber dann als ich schon verhaftet war und die Herta und die Juci mich in Auschwitz trafen, erzählten sie mir, als ich verhaftet wurde, dass man die Totenrede auf mich gehalten hat. Das hat geheißen, dass man sehr kritisiert wurde und fallengelassen wurde. Der Sinn dieser Versammlung war, dass jetzt alle gewarnt wurden. Weil sie meinten, wenn ich verhaftet wurde, würde ich speiben, alles verraten, und so seien alle in Gefahr.