Liesl Kahane 21

M: Wie lange habt ihr da in Lissabon gewartet, bis ihr dieses Schiff bekommen habt?
Wir sind am 7. Dezember, grad wie das mit Pearl Harbor war, weggefahren, 1940 und sind Ende Dezember, glaub ich, in Sosúa angekommen, zuerst in New York. In New York haben wir ein besseres Schiff gehabt und die Männer waren von den Frauen getrennt und eingesperrt, weil die wollten nicht, dass wir nach New York verschwinden.
Wir wurden immer gezählt, also das ist furchtbar, wie das liebe Vieh. Und da waren verschiedene Abteilungen, die Koscher Abteilung und die Nichtkoscher und dann eine Asiatisch-Chinesische und verschiedene Nationen waren dort. Und das hat uns so imponiert, weil da waren Polizisten, die auf uns aufgepasst haben. Ich hab gesagt, du David, der redet jüdisch. Einen jüdischen Polizisten hat man in Wien ja nicht gekannt. Das hat auf mich einen unheimlichen Eindruck gemacht. Und da waren wir ein paar Tage dort und dann sind wir weiter gefahren nach San Domingo. Wir sind nach Puerto Rico gefahren und in Puerto Rico haben wir uns neue Schuhe, neue Sommerkleider und Sommerschuhe gekauft. Das war so billig dort, da war ein großes Warenhaus „Klein“, da haben wir gewusst, das ist ein jüdisches Geschäft.
M: Also das heißt, ihr wart in Puerto Rico und dann die nächste Station?
War San Domingo, man hat uns in ein großes Hotel geführt und Leute sind uns begrüßen gekommen, scheinbar von dem Komitee.
M: Und da hast du dann die Schwägerin, also die Schwester von Benni kennengelernt, hast du die noch von Wien gekannt?
Nein, ich hab auch den Benni nicht gekannt, die Lotte hat ihn erst in Belgien kennengelernt. Sie hat in Wien einen Freund gehabt, den man erschossen hat, von dem hast du vielleicht gehört, Fredi. Und zum Schluss hat sie doch Heinz Fischer gehabt, von dem hat sie dir vielleicht auch erzählt. Die sind die Geschäfte plündern gegangen und alles, und voller Lebensmittel ist er zu uns in die Wohnung gekommen, in die Liechtensteinstraße. Er hat gesagt, das haben wir von den Juden genommen und das sollen die Juden wieder haben. Und ich glaub, sein Vater hat Selbstmord begangen, dann wie die Nazis gekommen sind. So, dann sind wir nach San Domingo gefahren. Das hat sehr lang gedauert, weiß nicht wie lang, aber ich glaub, es war eine Tagesreise, von San Domingo nach Sosúa und das war ein kleiner Ort. Da war eine Polizei und ein großes Geschäft. Dort hat man uns alle hingeführt, man hat uns gemessen, man hat uns gewogen und man hat uns Leintücher und Sachen gegeben, die wir brauchten. Und man hat uns zu dem Haus geführt, wo wir wohnen werden. Wir waren so beeindruckt, dort war immer blauer Himmel, Sonnenschein und ein Meer und es war so still. Wie wir in der Schweiz gelebt haben, war fast jede Nacht Fliegeralarm und wie wir dort waren, war es ganz still und sehr angenehm.