Liesl Kahane 17

Dann ist jemand ins Lager gekommen und hat gesagt, er ist vom Joint, eine jüdische Hilfsorganisation, eine internationale. Er kommt aus Amerika und sie suchen junge Leute, die nach San Domingo gehen wollen. Der hat ihnen versprochen, Land und Geld zu gegeben. Sein ganzes Land war unterentwickelt, er will das Land aufbauen, er braucht junge Kräfte und die Dominikaner sollen unsere Mädeln heiraten, damit sie die Rasse verbessern, weil eine weiße Rasse war für ihn sehr wichtig. Er war schwarz, er war ein Diktator und er war sehr streng und das Land und die Leute waren sehr arm. Es hat nur eine sehr reiche Klasse und eine Unterklasse gegeben, aber keine Mittelklasse. Wir haben gesagt, aber wir wollen doch mit unseren Familien zusammenkommen. Er hat gesagt, wenn ihr hinfährt, könnt ihr sofort alle eure Familien rausnehmen und retten und das war für uns ein Stich. Das war im Jahr 1940.
M: Hast du da Kontakt gehabt zu den anderen Geschwistern?
Ja, hab ich gehabt, nach Belgien haben wir geschrieben und die Mama hat gewusst, dass wir dorthin fahren.
So haben wir gesagt, wir fahren, wir wollen alle rausnehmen, die Mama und die Kinder, die Lotte, den Elie, den Heini. Jeden den wir können und haben sie sofort alle angefordert.
M: Wie lange hat das gedauert, von dem Moment bis ihr dorthin seid, habt ihr gewusst, erstens einmal was das ist Dominikanische Republik, habt ihr irgendeine Ahnung gehabt?
Nein, wir sind zu einer Landkarte gegangen und haben geschaut wo das ist. Und wir haben gesehen, das ist auf der Insel Española und eine Hälfte von der Insel ist Haiti und die andere Hälfte ist Santo Domingo. Das haben wir gewusst und wir haben gedacht, wir fahren in den Dschungel. Furchtbar, ich hab geweint und geweint und der David hat gesagt, schau wir machen das für unsere Familie. Für die Familie gehe ich ans Ende der Welt. Wir sind weg, ich glaub im Oktober oder November. Wir waren zwei Jahre in der Schweiz. Die Clary und der Walter sind nach England gefahren und wir hätten auch nach England fahren sollen. Und wie wir fahren wollten, ich glaub damals ist der Krieg mit Polen ausgebrochen, im 39er Jahr. Und da haben wir gehört, dass sie rein sind nach Belgien und ich bin gesessen und hab furchtbar geweint. Da ist ein Bauer zu mir gekommen, in der Schweiz und hat gesagt, warum ich weine. Ich hab gesagt, ich weine, weil ich meine ganze Familie in Belgien habe. Er hat gesagt, sie brauchen nicht weinen, die sind alle schon lang erschossen. Also in Schweizerdeutsch hat er das gesagt, „sie bruchen nit weinen, die sind alle schon längst verschosse“. Sie sind alle längst vernichtet, hat er mir auf Schweizerdeutsch gesagt. Wir sind mit der Danzas von der Schweiz weggefahren. Die Danzas ist eine Reisegesellschaft. Wir sind zuerst nach Frankreich und dann nach Spanien gefahren.