Liesl Kahane 16

M: Wie lange warst du in Mailand?
Der David war zwei Monate, ich glaub ich war einen Monat und dann sind wir in die Schweiz. Man konnte nicht in die Schweiz, nur illegal haben sich Leute über die Grenze geschmuggelt und wir wollten nicht illegal gehen. Da bin ich aufs Schweizer Konsulat gegangen und hab gesagt, ich hab in Zürich eine Tante. Das war die Tante von Walter, die Schwester von seiner Mutter und wir haben Visa bekommen. Der Walter und die Clary waren schon in der Schweiz, deshalb wollten wir auch in die Schweiz. Außerdem hat der Mussolini schon mit dem Hitler gepackelt, da haben wir gesagt, wir warten nicht, wir gehen. Wir sind in die Schweiz gekommen und da hat schon jemand auf uns gewartet und hat gesagt, wir können nicht dort bleiben, die haben uns nach Zürich verschoben. Und in Zürich sind wir zur jüdischen Gemeinde gegangen und die haben uns das Geld gegeben und wir haben ein Quartier gesucht, in der Nähe wo die Clary gewohnt hat. Wir sind dort immer auf dem Hauptplatz gegangen, da war so eine Cafeteria, wo wir manches Mal die Emigranten getroffen haben und gegessen haben. Wir durften nicht arbeiten.Wir haben in einem Privathaus gewohnt, zur Untermiete bei einer Frau. Ich erinnere mich noch, da waren wir eine Zeit, ich kann dir nicht genau sagen wie lange, vielleicht einige Monate. Dann haben die Schweizer sich aufgeregt, die ganzen Emigranten sitzen den ganzen Tag im Kaffeehaus und arbeiten nicht. Da hat die Regierung sich entschlossen, wir müssen in ein Flüchtlingslager und haben Flüchtlingslager gebildet. Wir sind in ein Lager gekommen, der Walter war der Lagerleiter und die Clary war dort in der Kinderschule, sie hat geholfen und wie wir ins Lager gekommen sind, mussten wir auch im Lager arbeiten. Ich hab in der Nähstube gearbeitet und hab manchen Frauen gezeigt, wie man näht. Manche Frauen haben die Wäsche gewaschen, manche haben gebügelt und manche haben gekocht. Wir waren eine Zeit lang dort und das Lager war eine ehemalige Jugendherberge. Wir waren drei Paare in einem Zimmer, wir waren alle noch sehr jung, um die 20 Jahre. Alle jung verheiratet, alle Wiener und es war sehr nett und wir haben uns mit denen sehr angefreundet. Aber dann haben die von der Schweizer Regierung gesagt, es ist nicht sittlich, dass Paare in einem Raum wohnen. Das geht nicht, man muss die Männer und die Frauen trennen. Und dann hat man uns getrennt, die Frauen waren extra und die Männer waren extra. Und die Clary und der Walter sind zur Kultusgemeinde gegangen und haben gesagt, nach dem jüdischen Gesetz, darf man Ehepaare nicht trennen. So hat man uns wieder aus dem Lager rausgenommen, aber die Leute, die Schweizer wollten uns nicht in der Stadt haben. Und weil wir dort auch nicht arbeiten durften, haben sie begonnen Arbeitslager zu machen. Da waren 36 Männer, der David war der Lagerleiter und ich war die Lagermutter, für die 36 Männer. Denen hab ich die Socken stopfen müssen und habe gebügelt für sie. Wir haben auch einen Arzt dort gehabt und einen Koch und verschiedene Sachen, die wir im Lager gebraucht haben. Die Männer haben Försterei betrieben, sie haben Bäume gefällt und der Förster hat ihnen für eine Woche Arbeit gegeben.