Kindheit und Jugend 14

Es gab z.B. eine dunkelblaue Bluse, mit einem weißen Kragen, und die habe ich mir immer selbst gewaschen und gebügelt. Vielleicht hat sie mir auch besonders gut gefallen. Außerdem hat mich Elie immer mitgenommen und so habe ich dasselbe gemacht. Ich bin auch mit Elie zu den Roten Falken mitgegangen. Die anderen Geschwister sind dort alle nicht hingegangen. Ein Freund von Elie hat vis-à-vis von uns gewohnt und ein anderer auch ganz nah.
Und die haben ihn dorthin gebracht. Auch in seiner Klasse gab es vielleicht Kinder. Schon mit neun Jahren ist Elie zu den Roten Falken gegangen. Ich musste zu den Nestfalken. Meine Mutter war froh, dass wir etwas haben, wo wir hingehen und Gesellschaft haben, etwas lernen und sehen. Es hat sich niemand gekümmert, wie wir dorthin kommen, so wie das heute ist, dass man die Kinder holt und führt. Leider habe ich dadurch Dinge erlebt, die nicht so gut sind für ein Kind, aber das passiert immer, wenn Kinder auf sich selbst gestellt sind. Wir hatten Wohnungsschlüssel und konnten alleine nach Hause gehen. Auch meine Mutter selbst war als junges Mädchen bei der Gewerkschaft, zu einer Zeit, wo sie erst gegründet wurde, aber sie war sehr davon angetan und hat sich dafür interessiert. Clary hat sich für diese Dinge überhaupt nicht interessiert. Liesl war in einem jüdischen Verein.
Heute sagt sie, dass sie bei der SAJ war und bei den Falken. Ich glaube Heini war nirgends, aber ich weiß es nicht mehr, man muss ihn fragen. Liesl hatte auch viele Freunde bei der SAJ. Jeder machte zwar was anderes, aber wir kamen immer zu Mittag und am Abend zusammen. Es gab immer diese ominösen Suppen zu Mittag und am Abend gab es Brot oder Krautrouladen oder diese Polpetti. Braten gab es nie, denn so viel Fleisch hatten wir nicht und auch kein Bratrohr. Als ich schon in die Schule ging, gab es die Schulausspeisung. Meine Mutter arbeitete auswärts. Es gab jeden Tag in der Woche dasselbe zu essen. Jeden Sonntag gab die Mutter in die Einkaufstasche Salat und Brote usw. Und so schleppte sie sich ab, vom 20. Bezirk und dann vom 9. Bezirk bis zum Zinkerbacherl. Das ist dort, auf der linken Seite von der Reichsbrücke, wo jetzt das Überschwemmungsgebiet ist, in Floridsdorf. Wir sind immer zu Fuß gegangen, denn fahren konnten wir uns nicht leisten. Es waren dort immer viele Menschen, die geschwommen sind. Später, als ich schon bei den roten Falken war, haben wir jeden Sonntag, Sommer und Winter, einen Ausflug gemacht. Da sind wir auch zu Fuß gegangen. Nach Pötzleinsdorf etc. Meine Mutter hat dann immer gearbeitet und zu tun gehabt. Freundinnen hatte sie keine, so wie wir das heute haben. Vielleicht hatte sie wen zum Tratschen, wenn wer vorbeikam. Oder vom Haus, wenn wer kam. Ich erinnere mich an so eine „Nazisse“, die ist immer gekommen und hat die Mama angequatscht, wenn sie bei ihr in der Küche saß. Sie hieß Frau Schwingl. Ich glaube, sie war die erste, die uns angezeigt hat. Sie hat uns Kinder verraten, die Mutter glaube ich nicht. Die Mutter musste auch nie reiben, so wie andere. Aber ich sagte nie, dass es deshalb war, weil sie so beliebt war. Das hätte ich nie gesagt. Andere haben sowas behauptet. Aber ich habe gesehen, wie die Menschen reiben mussten und das hat mir furchtbar leid getan. Einmal ist meine Mutter nach Polen gefahren, ansonsten hatte meine Mutter keinen Kontakt mit ihren Verwandten.