Der jüdische Widerstand in Belgien und Auschwitz 06

Régine Krochmal

Kurz nach dem Einmarsch der Deutschen im Mai 1940 lernte sie Marianne Bradt kennen. Sie war mit ihrem Vater aus Deutschland nach Belgien geflohen. Marianne hatte einen behinderten Bruder und sie erzählte Régine, dass die Nazis ihren Bruder umgebracht hatten. Marianne arbeitete in einer von der jüdischen Gemeinschaft in Brüssel eingerichteten Suppenküche für jüdische Emigranten. Hier trafen sich vor allem junge Menschen aus Deutschland und Österreich. Hier lernte Régine ihre neuen Freunde kennen. Gemeinsam beschlossen sie „etwas zu tun“.
Sie gründeten die „Österreichische Freiheitsfront“ als Teil der großen belgischen Widerstandsorganisation „Front de l'Indépendance“. Man sagte ihr: „Wenn du verhaftet wirst, musst du alles vergessen!“ Diese Gruppe, in der man Deutsch sprach, versuchte subversive Propaganda unter den deutschen Soldaten zu verteilen. Sie druckten eine Zeitschrift „Die Wahrheit“ mit Informationen, aus dem britischen und polnischen Radio über den Krieg. Sie wollten versuchen, soviel Soldaten wie möglich zur Desertation zu motivieren. Die Mädchen der Gruppe sprachen die Soldaten direkt an, trafen sich mehrmals mit ihnen, um diese Überzeugungsarbeit zu leisten. In der Nacht vom 19. zum 20. Januar 1943 wurde sie verhaftet. Sie druckte mit zwei Freunden in einer Wohnung in Brüssel die Untergrundszeitung, als an die Tür geklopft wurde. Schnell wurde die Druckmaschine versteckt und die beiden Männer flüchteten durchs Fenster. Régine öffnete schlaftrunken und erklärte, dass ein Mann sie in die Wohnung mitgenommen habe. Sie gab sich sofort als Jüdin zu erkennen, um eine Wohnungsdurchsuchung durch die Gestapo zu vermeiden. Denn am Wichtigsten war, dass die Druckmaschine unentdeckt blieb! Man brachte sie in den Keller des berüchtigten Hochhauses in Brüssel, Avenue Louise, in der die belgische Außenstelle des Reichssicherheits­hauptamtes untergebracht war. Dort wurde sie mehrere Tage gewaltsam verhört bis man sie schließlich am 27.01.1943 zusammen mit anderen Leidgenossen auf einen Lastwagen verfrachtet in das Sammellager Mechelen transportierte. Am 19. April 1943 startete der 20. Deportationszug von Mechelen nach Auschwitz. Es war der erste Viehwaggon, der von den Nazis benutzt wurde, denn aus den vorherigen Zügen konnten zu viele Gefangene aus den Fenstern springen. Die kleinen Fensteröffnungen des Viehwaggons wurden mit Holzlatten zugenagelt. An Bord dieses 20. Transportes befanden sich 1631 Menschen, vor allem Juden, aber auch Sinti und Roma aus Nordfrankreich, dem Pas-de-Calais. Unter ihnen befand sich auch Régine Krochmal, die als Krankenschwester in den Krankenwaggon ganz am Ende des Zuges und zusammen mit einem anderen Arzt einsteigen sollte. Kurz bevor sie in den Waggon einstieg, steckte ihr ein jüdischer Arzt ein Messer zu. Er sagte zu ihr: „Schneide die Latten auf und spring, denn man wird dich verbrennen!“ Als der Zug losfuhr versuchte sie sofort mit Hilfe des Messers das vernagelte Fenster aufzumachen. Der Arzt, der mit ihr an Bord war, versuchte sie daran zu hindern, denn die Nazis hatten gedroht, dass alle erschossen werden, wenn einer flieht. Der kleinen zierlichen Régine, die entschlossen war zu ihrer Widerstands­gruppe zurückzukehren, gelang es, den Mann außer Gefecht zu setzen.
Wie sie heute sagt: „Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe, aber ich habe zugeschlagen und er lag auf einmal auf dem Boden. „Sie schaffte es, die Fensteröffnung aufzumachen und als der Zug etwas langsamer fuhr, abzuspringen. Als sie auf dem Boden lag, hielt der Zug plötzlich an. Schüsse fielen. Sie wusste nichts von dem Überfall und dachte man suche nach ihr.