Heinrich Sontag 27
Im Jahre 1973, dreizehn Jahre nachdem wir nach Amerika kamen, war es das erste Mal möglich an eine Reise zu denken. Ich wollte natürlich mein Schwesterchen in Wien sehen. Es war aber trotzdem mit schwerem Herzen und gemischten Gefühlen, als ich beschloss nach Wien zu fahren. Wie in einem alten Lied, an das ich mich aus meiner Jugendzeit erinnere „dieselbe Luft, dieselben Lieder und alles war so anders doch". Ich war sehr froh einige alte Freunde aus meiner Jugendzeit, unter anderem Poldi Singer und Isi Brawer, die den Holocaust überlebten, wieder gefunden zu haben. Mein erster Aufenthalt in Wien war, wie ich bereits erwähnte, mit gemischten Gefühlen verbunden. Edith, die aus Wien stammte und seit 1938 in Uruguay lebte, sprach spanisch und so verständigten wir uns meisten in dieser Sprache, obwohl wir, wenn wir alleine waren, deutsch sprachen. Obwohl ich bis zum Krieg nichts anderes sprechen konnte als Deutsch, oder besser gesagt Wienerisch, ging mir jetzt diese Sprache gegen den Strich. Diese Unbequemlichkeit habe ich jedoch schon lange überwunden. Im März 1960 übersiedelten wir dann endgültig in die USA.Wir wussten aber noch nicht, wo wir uns nieder lassen würden. Esther und Jossel wollten, dass wir in New York bleiben, Henri wollte uns in Chicago haben und Clary und Liesl waren in Los Angeles.
Nachdem wir ca. drei Wochen in New York waren, kaufte ich ein Auto und wir beschlossen, durchs Land zu fahren. Da, wo es uns am besten gefiel, würden wir uns niederlassen. Wir wussten aber auch, dass wir sobald wir zum Arbeiten beginnen würden, uns nicht sobald einen Urlaub leisten könnten. Es war sehr schön und es gefiel uns eigentlich überall, aber am besten natürlich in Los Angeles, wo wir auch blieben. Als wir nach Los Angeles kamen, konnten wir auch schon genug Englisch, um Arbeit zu suchen. Wir versuchten uns im Lande so gut es ging einzuleben. Ich war ja schon sechsundvierzig Jahre alt. Ich wusste auch, dass ich nur einen Job bekommen könne, der nicht so gut bezahlt werden würde. Sobald ich mit der Umwelt besser vertraut sein würde, könnte ich wieder daran denken mich selbständig zu machen. Ich nahm einen Posten im Inventory Control an und Dora arbeitete als Verkäuferin in einem Kleidergeschäft. Wir waren voller Pläne für die Zukunft. Unglücklicherweise erkrankte Dora. Sie wurde langsam am ganzen Körper gelähmt und die Ärzte konnten ihr nicht helfen, weil sie einfach nicht wussten was ihr fehlt. Die Diagnose war Gehirnerweichung. Sie verstarb nach eineinhalb Jahren und erst dann, nach einer Autopsie wurde festgestellt, dass sie ein Blutgerinnsel im Gehirn hatte. Alle meine Pläne, mich selbständig zu machen, waren selbstverständlich verflogen und ich hatte natürlich für nichts mehr Interesse. Durch einen Arbeitskollegen lernte ich Edith kennen und wir heirateten im Jahre 1964. Ediths Tochter Rene ging noch zur High School und war mit uns. Sie arbeitete in einer Versicherungsanstalt als Sekretärin. Sie heiratete 1967. Zur selben Zeit klagte Edith, dass ihr die Finger schmerzten und wurde mit rheumatischer Arthritis diagnostiziert. Der Mann von Rene wurde kurze Zeit nach ihrer Heirat arbeitslos und wir mussten sie unterstützen. Ich war der einzige in der Familie, der arbeitete und es war sehr schwer. Ich hatte Angst, dass die wenigen Ersparnisse, die ich hatte, schnell verzehrt werden würden und so beschloss ich mich wieder einmal selbständig zu machen und schlug Freddie, Renes Mann vor, dass wir etwas zusammen unternehmen sollten. Er war von meinem Vorschlag nicht sehr begeistert.
Er, ein in Amerika geborener mit einer höheren Bildung als ich, der nicht einmal gut die Sprache beherrschte.
Das bisschen Englisch, das ich konnte, war mit einem starken ausländischen Akzent. Es fiel mir aber nicht schwer, ihn davon zu überzeugen, dass er dabei ja nichts riskieren würde.