Elie Topf 40

Wir waren eineinhalb Monate unterwegs, da wir von Casablanca zuerst nach Amerika, dann nach Cuba, dann nach Mexico und dann wieder nach Cuba und erst dann in die Dominikanische Republik kamen. Es war kein sehr großes Schiff. Ungefähr 10.000 Tonnen. Es hat aber sehr viele Passagiere an Bord gehabt. Die meisten waren so wie ich Flüchtlinge, die kaum Geld für die Überfahrt hatten. Angeblich hat die Überfahrt ca. 500 Dollar gekostet. Das war für damals sehr viel Geld. Wir waren in einem Frachtraum untergebracht, in dem Stockbetten standen. Ich hatte einen Koffer mit, er war leer. Ich brachte nach Sosúa eine Zahnbürste, ein Buch und eine zweite Unterhose mit vielleicht, und ein paar hohe Schuhe. Das war alles, die hohen Schuhe hatte ich an. So kam ich nach Sosúa. Ich weiß nicht, ob ich mich am Schiff sicher fühlte, aber ich genoss die Tatsache sehr, dass ich jetzt auf einem Schiff war, dass ich genug zu Essen bekam. Die meisten Leute konnten nichts essen, denn die waren seekrank. Aber ich aß die Mahlzeiten von allen, die nicht essen konnten. Und sie sagten der Fisch, der riecht nach Fisch, den können wir nicht essen. Aber mir spielte das keine Rolle, ich habe den Fisch und den zweiten auch gegessen. Auch nützte ich die Gelegenheit, mich mit den anderen jungen Leuten zu unterhalten, ohne dass irgendeine Bewachung hinter mir war. Also die Freiheit hat schon sehr gut gerochen. Auf der Überfahrt beobachteten wir einige Unterseeboote, die uns beobachteten. Aber wir wussten, dass unser Schiff die Diplomaten hin und her bringt und deshalb war die Überfahrt ganz interessant. Am 20. März 1942 kam ich in die Dominikanische Republik. Wir haben uns dort sehr gut gefühlt. Es war natürlich eine Stadt wie wir sie noch nie gesehen hatten, tropisch, heiß. Die Leute gingen am Sonntag mit gestärkten weißen Hemden herum und es war interessant, aber neu. Dann fuhr ich nach Sosúa, wo mich Liesl empfing. Vorher schickte sie mir ein paar Dollar in die Hauptstadt, damit ich mir was kaufen konnte, was sehr lieb war, da sie ja selbst auch nichts hatte. Zu der Zeit wusste Liesl, dass Lotte und die Mama noch in Belgien waren, oder zumindest hatte sie noch Nachricht gehabt, es dauerte immer sehr lange. Auch mit Clary konnten wir korrespondieren. Clary war damals in England, wo sie bis nach dem Krieg blieb. Mit Heini hatten wir auch Kontakt und da erfuhren wir, dass er aus Belgien weg ist und in die Schweiz ging. Aber das war alles später. Wir waren alle lange ohne Nachricht, wegen des Krieges dauerte alles sehr lange. Es war auch wahnsinnig teuer für uns.
Wir bekamen damals drei Dollar für den ganzen Monat, damit mussten wir alles bezahlen. Aber ein Brief von New York nach Lissabon hat 85 Cent gekostet und hat ca. drei Monate gedauert. Wir waren natürlich sehr besorgt. Wir haben den Krieg auf den Landkarten verfolgt. Jede Bewegung, die war, haben wir angezeichnet. In Sosúa waren wir eigentlich frei. Wir waren in einem Settlement, in einer Siedlung. Sie war an einer wunderschönen Bucht am Meer, mit wunderschönem, warmen Meereswasser. Man konnte ruhig schwimmen, es gab keine Haie oder sonst was, was uns gestört hätte. Das Klima war immer warm. Es war feucht, alles wuchs gut und wir bekamen von der Organisation, die das gegründet hatte, alles zum Leben und sie sorgten für uns. Wir waren vor der Sonne geschützt und wir hatten zu essen und trinken und wir waren frei. Wir waren freie Menschen und das war das Wichtigste.
Wir waren zwar in der Regierung wieder unter einem Diktator, aber der uns vollkommen frei handeln ließ, solange wir uns nicht in die Politik des Landes einmischten.