Elie Topf 25
Das Klo war im Hof, wir haben dort zu dritt gelebt. Heini war schon bei Dina. Ob Lotte dann dort geblieben ist, weiß ich schon nicht mehr. Sie hat dann Benni kennen gelernt, er war ein sehr lieber Kerl. Aber das war jedenfalls der Beginn auf der Rue de la Prospérité. Dort hatten wir wenigstens ein paar Kleider und die Nähmaschine.
Meine Mutter wollte gerne arbeiten. Wir wussten, dass arbeiten verboten war. Aber meine Mutter wollte gerne Flickarbeiten und Umänderungen machen. Und so fragte ich bei den Kunden, die ich besuchte, ob sie nicht etwas bräuchten und so schickten sie uns die Arbeit. Aber zuerst muss ich erzählen, wie die Mutter zu uns kam. Wir hatten da nämlich große Schwierigkeiten. Wir organisierten auch wieder einen Schmuggler, bezahlten ihn und er brachte die Mutter rüber. Eines Tages rief er an und sagte, „Ich habe die Mutter hier in Brüssel, aber ich muss jetzt augenblicklich 2.000 Franc haben, die ihr mir bezahlen müsst, sonst wird sie wieder zurückgeschickt“. Das war Ende 1939. Es war damals ein furchtbarer, kalter Winter. Wir wussten alle nicht, wie wir das Geld auftreiben könnten. Wir haben alle das Geld nicht gehabt. Wir legten zusammen was wir hatten, vielleicht hat das 100 oder 150 Franc ausgemacht, aber nicht 2.000. Aber wir kannten hier in Brüssel eine Frau, die zwei Töchter hatte.
Diese zwei Töchter waren in einem Verein für deutsche und österreichische Flüchtlinge. Ich glaube sie nannten sich Freie Deutsche Jugend. Ihre Mutter lernten wir auch kennen. Sie war eine sehr liebe Holländerin, die ursprünglich mit einem Deutschen in Frankfurt verheiratet war, der bei der Frankfurter Zeitung gearbeitet hat. Von dem ließ sie sich später scheiden. Sie hieß Madame Chapeau. Sie ist dann nach Brüssel übersiedelt und hat da mit ihren zwei Töchtern, es waren Zwillinge, gelebt. Sie hatte auch noch zwei Söhne. Zu dieser Madame Chapeau ging ich damals und habe ihr mein Leid geklagt. Sie war eine sehr humanitär denkende Frau und für sie spielte es keine Rolle, dass wir Juden waren. Sie war für alle Flüchtlinge bereit, etwas zu tun. Also ich sagte ihr, dass ich mir die 2.000 Franc ausborgen möchte und es zurückzahlen würde. So fragte sie mich, wie ich das denn zurückzahlen könne. Ich erzählte ihr, dass ich jetzt arbeite und ihr jede Woche eine gewisse Summe zurückzahlen könne. Mit diesem Versprechen borgte sie mir das Geld. Für mich war diese Summe ein Vermögen. Diese Frau hat natürlich in viel besseren Verhältnissen gelebt, als wir, aber es war auch für sie eine sehr große Summe, die man nicht so ohne weiteres herausgeben kann. Sie hat bestimmt auf etwas verzichten müssen, und sie hat sich auch denken müssen, dass ich das nie zurückzahlen kann, denn sie kannte meine Lage. Sie hat uns aber das Geld zur Verfügung gestellt und die Mutter ist endlich befreit worden. Wir waren alle sehr glücklich, sie endlich zu sehen. Leider war aber dann die Frage der Legalisierung. Zu dieser Zeit hat die belgische Regierung absolut keine Emigranten mehr akzeptiert. Alle wurden zurückgeschickt, die sie erwischt hatten und nicht illegal wo unterkommen konnten. Aber wir wollten das Risiko nicht auf uns nehmen und die Mutter illegal in Brüssel lassen. Man riet uns auch von den Komitees, es zu versuchen, da die Mutter doch schon etwas älter war und wir einen Aufenthalt hatten. Also gingen wir auf die Kommune.
Dort nahmen sie die Mutter sofort in Haft. Sie brachten sie nach Saint Gilles ins Gefängnis.