Elie Topf 24

In den Häusern in gewissen Gegenden von Brüssel waren unten Wirtshäuser, es waren Bierlokale, wo die Leute den ganzen Tag gesessen sind und getrunken und gespielt haben. Da musste man durchgehen, um ins Haus zu kommen. Bei so einem Wirt haben wir zwei Zimmer gefunden, die verhältnismäßig billig waren. Das war auf der Mansarde oben. Im Winter war es dort oben sehr kalt, im Sommer sehr heiß, aber wir haben unser eigenes Zimmer gehabt. Lotte und Herta wohnten dann in einem Zimmer und wir in dem anderen. Wir haben dort am Herd gekocht, dann schafften wir uns einen Spirituskocher an, einen Primus, auf dem wir unsere Speisen kochten. Mit der Arbeit ging es nicht mehr weiter, weil wir auch Angst hatten, dass wir erwischt würden. Tatsächlich war es dann auch eines Tages soweit, dass ich geschnappt wurde. Ich ging in ein Büro zu einem Mann, der sehr an meinen Büroartikeln interessiert war. Er fragte mich alles aus und schaute meine Preislisten an. Was ich nicht wusste war, dass er in der Zwischenzeit die Polizei verständigt hatte. Es erschien ein Kriminalbeamter und wollte mich verhaften. Er holte mich aus dem Büro heraus. Er führte mich ab. Ich habe gebeten, gefleht, geweint, alles gemacht, er solle mich nur ja nicht zurückschicken. Ich schilderte ihm meine Lage. Ich erzählte ihm, dass wir das Geld bräuchten, weil wir noch wen in Deutschland hätten. Ich glaube Lotte war damals schon da, aber wir brauchten noch mehr Geld, um der Mutter helfen zu können. Ich wusste nicht, dass einer der Angestellten, der alles mitbekommen hatte, sofort zu uns nach Hause fuhr nach der Arbeit und hat Heini verständigt, dass das passiert sei. Inzwischen hat mich der Kriminalbeamte zu Fuß zur Polizeistation gebracht. Er sagte mir immer wieder: „Sei ruhig. Sei ruhig. Es wird dir nichts passieren“. Auf der Polizei habe ich ihm dann noch mal die ganze Sache in Ruhe erklärt. Er wollte dann sehen, ob das die ganze Wahrheit sei. Er erkundigte sich bei der Kommune. Dann sagte er: „Du weißt, ich müsste dich jetzt hierbehalten. Ich verstehe aber deine Lage. Mach es nicht mehr und geh jetzt nach Hause“. Also der war wirklich menschlich. Von da an konnten wir nicht mit dem Geld auskommen oder geschweige denn etwas ersparen. Es ergab sich, dass in der Gegend ein Apotheker einen Laufburschen suchte. Ich ging hin und wurde angestellt.
Er wusste, dass er mich nicht anstellen darf. Er war selbst nicht ganz geheuer. Er war ein Rumäne, der in Rumänien sein Doktorat gemacht hat. Das war aber in Brüssel nicht anerkannt. So stellte er eine belgische Apothekerin an, auf deren Namen die Apotheke lief. Aber er machte das Geschäft. So hatte er Verständnis für meine Nöte. Er stellte mir ein Fahrrad zur Verfügung und ich ging für ihn liefern. Ich verdiente sehr schön. Ich bemühte mich so schnell wie möglich immer zu liefern und ich fragte auch immer, ob sie was Neues bräuchten. So half ich dem Geschäft und mir selbst auch. Ich bekam schöne Trinkgelder. Zuerst wollte die Mutter gar nicht weg aus Wien. Dann hat sie alles mögliche, was sie da haben wollte geschickt, ihre Nähmaschine und einiges mehr. Die Lage hat sich damals schon verschlechtert, das war 1939. Lotte nahm sich eine andere Wohnung, Heini zog zu seiner Frau und ich habe damals mit Freunden gelebt, mit Juci und Peter. Aber dann bereiteten wir uns auf das Kommen der Mutter vor. Da suchte ich mit Lotte zusammen eine unmöblierte Wohnung. Wir nahmen einige Kisten, die wir als Garderobe oder als Geschirrschrank einrichteten. Das war in der Rue de la Prospérité. Da hatten wir auch zwei Zimmer und da kam auch die große Kiste von der Mutter an. Wir borgten uns einen Handwagen aus, wofür wir sehr viel Geld zahlen mussten, den schleppten wir vom Zollamt. Die Kiste war schwer, dass wir sie fast nicht auf den Handwagen bekamen. Aber noch ärger war es dann, die Kiste in die Wohnung zu bekommen, die Stiegen hinauf.