Elie Topf 17

Das waren alles Schmuggler. Also wir sind da rauf und die ganze Nacht sind wir gegangen. Bei uns acht waren auch Kinder dabei. Es war ganz furchtbar. Wir haben gefroren, wir durften nicht laut sprechen, es war alles illegal.
Wir gingen durch einen Wald über einen Berg hinauf und auf der anderen Seite haben sie uns stehen lassen.
Wir mussten warten bis wer anderer kommt. Es ist dann auch wer gekommen. Aber jedes Mal wollte wer Geld von uns, oder was anderes. Wir hatten natürlich nichts. Das einzige was wir hatten waren zwei kleine goldene Ringe, die nichts wert waren. Aber die haben wir versteckt. Aber eine Uhr, die wir um zwei Mark ganz billig in Köln gekauft haben, die gaben wir ihm. Wir haben wirklich nicht mehr gehabt, außer den versteckten Ringen, die wir aufheben wollten für Brüssel, damit wir für die ersten Tage was zum Essen hätten. Nachdem wir die ganze Nacht gegangen waren, hundemüde und erschöpft, sagten sie uns, dass da wieder ein Auto käme, wo wir reinspringen müssten bevor die Polizei kommt. Und das würde uns nach Brüssel bringen. Das war dann auch ein Kastenwagen. Wir konnten kaum atmen. Aber die brachten uns an den Stadtrand von Brüssel. Wir kamen gegen sechs Uhr morgens an. Was wir nicht wussten war, dass das ein Nationalfeiertag war. Die Straßen waren vollkommen leer. Jeder ist in eine andere Richtung. Vorher haben die Schmuggler den Leuten noch das Letzte, was sie hatten, abgenommen. Sie erpressten uns, wenn wir nicht jetzt bezahlen würden sie uns nicht weiterbringen. Das waren aber schon die Belgier.
Obwohl man uns sagte, dass die zehn Mark reichen würden. Also wir sind in eine Richtung gegangen.
Plötzlich sehen wir ein Tor auf dem ein Schild in hebräischer Sprache hängt. Dort läuteten wir an. Es war zeitlich in der Früh und die Frau hat etwas gesagt auf französisch. Wir fragten sie ob sie Jüdin sei, aber sie sagte nur:
„Je comprends riens “. Als wir auf die hebräischen Buchstaben zeigten wusste sie, dass wir Juden sind. Wir zeigten ihr die Adresse, wohin wir wollten, Boulevard Adolf Max. Dort war in einer Seitengasse eine Ausspeisung für jüdische Emigranten, wo wir alle treffen könnten. Sie zeigte uns dann wie wir gehen sollten. Wir sind weitergegangen und waren todmüde. Auf einmal schaue ich, da kommt mir plötzlich jemand entgegen, den ich noch aus Wien gekannt habe. Ein junger Mann mit einem Fahrrad. Das war kein Emigrant und kein Jude. Er war ein Schulkollege von mir. Ich sagte: „Engelbert, was machst du da?“ Er sagte: „Ich fahr jetzt zurück nach Wien, nach Hause.
Ich habe gerade den Otto Balaban einen Freund von mir hierhergebracht. Jetzt bin ich zwei Tage da und fahr wieder zurück“. Otto Balaban war auch ein Freund von mir, auch ein Jude. Engelbert gab uns noch Tipps und so hat die Emigration begonnen. An diesem Nationalfeiertag haben die Menschen überall getanzt und Musik gespielt. Alles war plötzlich freudig und nicht mehr traurig. In der Zwischenzeit waren wir natürlich schon ganz verhungert. Wir kamen dann zu der Ausspeisung, wo wir viele trafen, die uns bekannt erschienen. Dort war ein junger Mann, er hieß Max, mit der großen Schnauze. Er war ein sehr patenter Kerl, nach ein paar Minuten kam er mit einer Hand voll Münzen für uns. Dann brachte er uns Essensmarken und da hatten wir gleich etwas zu essen. Die Komitees hatten an diesem Tag geschlossen, aber er versprach uns unterzubringen. Er verschaffte mir jemanden, wo ich schlafen konnte und Heini traf sofort jemanden, den er kannte, wo er schlafen konnte. Es war natürlich sehr schwer in ein neues Land zu kommen, ohne Rechte.