Elie Topf 07
Er war ein lieber alter Mann und sagte: „Also gut, wir werden ihnen das Zimmer übergeben“. So bekamen wir dann das Zimmer. Lotte war gleich da und dann kam ich natürlich auch und er sagte: „Was? Jetzt haben sie schon zwei Kinder“? Und da sagte meine Mutter: „Ja, ich habe noch ein Kind“. Dann ist noch die Liesl gekommen und dann ist noch die Clary gekommen und dann ist noch der Heini gekommen. Und da ist dann der Nachbar zu dem Herrn Biselerches, so hat der Mann geheißen, gekommen und hat gesagt: „Aber Herr Biselerches, ich habe gedacht Sie wollen an keine Kinder vermieten“. Da sagte er: „No, was soll ich machen? Soll ich eine Frau mit fünf Kindern auf die Gasse stellen“. Das war typisch für seinen Charakter. Er war menschlich genug, dass er uns nicht vor die Tür gestellt hat. Aber er bat meine Mutter sehr, dass sie bald wieder auszieht. Wir haben uns aber dort sehr gut gefühlt, obwohl wir dort in einem Zimmer zu siebent waren. Da hat dann mein Vater endlich seine Beziehungen ausnützen können und wir bekamen eine Notstandswohnung in der Roßauerkaserne. Das war ein großes Glück für uns, weil das eine große Wohnung war, in der wir alleine waren. Sie bestand aus zwei riesig großen Zimmern. Das eine Zimmer haben wir als Küche benützen können. Dort war es sehr finster, es gab dort kein Fenster, nur im anderen Zimmer. Das war ja alles ursprünglich für Soldaten, die da zu acht ihre Betten hatten. Die Mauern waren dick.
Es waren sehr viele solche Wohnungen dort. Sowohl im ersten als auch im zweiten Trakt waren dort Zivile.
Die andern waren dort alte Offiziere oder aktive Soldaten. Es hat damals kein großes Heer für Österreich gegeben. Vis-à-vis war der Tandelmarkt. Das war zum Teil auch unser Spielplatz. Hier haben wir bis zum Jahr 1930 gewohnt. Also von 1928 bis 1930. Damals war ich in der Schubertschule in der Grünentorgasse. Lotte war auch in der Grünentorgasse in der Schule, in einer alten Mädchenschule. Liesl ist schon in die Renngasse in die Schule gegangen. Ich bin dann auch in der ersten Hauptklasse in die Renngasse gegangen. Die Verhältnisse waren damals schon viel besser in der Wohnung. Meine Mutter hat immer gearbeitet, auch wenn sie nicht hat können. Mein Vater hat buchstäblich nichts zu Hause abgeliefert. Er war in den Jahren kurz nach dem Weltkrieg als Reisender tätig. Er hat Regenmäntel verkauft. Er ist nach Italien gefahren, hat dort gut verdient, ob er was nach Hause geschickt hat, weiß ich nicht. Das Ende war, dass er meiner Mutter geschrieben hat, sie solle ihm das Fahrgeld für die Heimfahrt schicken. Nach der Scheidung meiner Eltern hat er eine Stelle von der Kultusgemeinde bekommen bei „Jugend in Not“. Nach der Scheidung und während er allein war, ist es ihm nicht so gut gegangen. Er hat uns dann öfter besucht, aber nicht um zu sehen wie es uns geht, sondern um zu sehen, ob er nicht von der gewesenen Gattin ein paar Groschen herausschlagen kann. Die Scheidung war ungefähr 1932. Sie waren sich vollkommen einig über alles. Er zieht aus und meine Mutter hat die Wohnung und die Kinder. Meine Mutter hat all die Verantwortung, er hat keine. Meine Mutter wollte die Scheidung. Man muss verstehen, dass eine Scheidung damals nicht so einfach war wie heute. Es war eine Schande, geschieden zu sein. Meine älteste Schwester, die damals schon 18 Jahre alt war, riet der Mutter zur Scheidung. Wir hatten keinen Vater, die Mutter keinen Mann, wozu brauchte sie ihn? Noch dazu kam, dass mein Vater damals eine Geschlechtskrankheit hatte. Als Kind versteht man das noch nicht. Man hört gewisse Worte. Mein Vater zog aus. Wir haben uns nicht gefreut und nicht gekränkt. Wir wussten es nicht, was es heißt, einen Vater zu haben.