Widerstand im Exil 10

Während der Besatzung war unsere politische Arbeit, deutsche Soldaten kennenzulernen, mit ihnen zu diskutieren über den Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion. Mit Zeitungen und Flugblättern versuchten wir die Soldaten zu bearbeiten. Wenn einer besonders gut war, so baten wir ihn, falls er Urlaub habe und nach Wien fahre, dass er solche Flugblätter mitnehme. Wenn einer noch sympathischer war, dann hatten wir den Auftrag, ihn in die Organisation aufzunehmen und ganz konkret was nach Österreich mitzunehmen. Ich kannte einen namens Michael Horvath, ein Fleischhauer vom Neusiedlersee. Er war mir sehr sympathisch, weil er so gegen den Krieg war.
Wenn ich jetzt zurückdenke, dann war er vielleicht ein Rom aus Oberwart, aber ich weiß es nicht. Er sagte immer „Du Anni (Lottes Tarnname), wenn wir zurückkommen, dann müssen wir heiraten“.
Er wollte mich immer treffen, aber ich dachte an etwas anderes als er. Wir mussten schriftliche Berichte abliefern. Das war natürlich in solchen Zeiten der Konspiration der hellste Wahnsinn und die größte Gefahr. Das wurde später auch immer wieder abgestritten. Da sahen sie, dass da ein sehr sympathischer Mensch war. Ich sollte ein Rendezvous verabreden mit dem politisch Verantwortlichen, der extra aus Paris kam, um ihn aufzunehmen. Ich machte das.
Wir trafen uns in einem Café. Es wäre schrecklich gewesen, wenn sie den Michel erwischt hätten. Ich übergab ihm eine Bonbonniere, in der in einem Zwischenfach Flugblätter waren. Er wusste das und wurde aufgenommen in die Organisation. Dann wurde Benno verhaftet, Benedikt Senzer, als er Flugzettel streute vor einer Kaserne beim Zapfenstreich. Ich wollte, dass er schon gehe, ich habe ihn leider sehr gehetzt. Die Soldaten, die ihn sahen, schossen auf ihn und verhafteten ihn. Michel konnte ich fragen, was er wusste über den, der Flugzettel gestreut hatte und verhaftet worden war. Aber er wusste nichts darüber. Aber Paul Herrnstadt hat in einem Haus gewohnt, wo nur Soldaten verkehrten, und der brachte mir die Nachricht, dass er verhaftet wurde. Von wo sie die Nachricht hatten, wusste ich nicht. Ich bekam aber dann Post von Breendonk und versuchte auf das hinauf, jede Woche mit einer Tasche und einem Glas voll mit Essen zu ihm zu kommen. Er wünschte sich immer nur Nudeln mit ganz dick Senf darauf. Vielleicht war das zum Konservieren oder so, ich weiß es nicht. Aber später haben mir andere Gefangene, die heraus kamen erzählt, dass man ihn mehrmals an Händen und Füßen aufgehängt hat. Er wurde schwer gefoltert.
In dieser Zeit habe ich meine Mutter nur ein- oder zweimal in der Woche ganz illegal getroffen. Mit Herta traf ich mich auch nur, wenn wir eine Versammlung oder Besprechung von unserer Organisation hatten. Herta wurde als besondere Proletin vom moralischen Standpunkt aus betrachtet. Sie war mit einem Spanienkämpfer liiert, ein alter Kommunist. Er war mir sehr unsympathisch und ich zerstritt mich sehr schnell mit ihm und dann auch mit ihr.
Ich lernte ihn kennen, als ich noch mit Benno zusammen war, der auch eine eigene Wohnung hatte. Aber hie und da war er bei uns und wir aßen öfters gemeinsam. Und damals sagte der Freund von Herta, „Also jetzt habe ich genug, der frisst mir das ganze Brot weg“. Also das brauchte ich noch, dass das jemand sagt. Ich sagte ihm, er solle verschwinden und sich eine eigene Wohnung suchen. Herta wohnte dann mit ihm im Nebenhaus in der Mansarde.