Liesl Kahane 39
M: Wie war das für dich wie du das erste Mal wieder nach Wien gekommen bist nach dem Krieg?
Es ist mir zuerst sehr fremd vorgekommen, im Sommer 1967, da hab ich die Lotte 29 Jahre nicht gesehen gehabt. Ich war sehr aufgeregt, furchtbar aufgeregt, sie zu sehen und zu treffen. Aber am meisten aufgeregt war ich am Friedhof, wie wir zum Grab vom Papa gegangen sind. Aber es war mir sehr fremd und ich hab nicht vergessen können, dass man uns rausgeschmissen hat von Wien. Das war furchtbar, aber es war mir in einer Beziehung sehr angenehm, dass wir als Amerikaner gekommen sind. An der Grenze haben wir mit dem Grenzposten Englisch gesprochen, er schaut sich den Pass an und sagt zu mir, Sie sprechen doch Deutsch, Sie sind doch in Wien geboren und ich hab gesagt, yes, but we rather speak English. Wir wollten nicht Deutsch sprechen. Wir sprechen zu Haus immer nur Deutsch, wenn ich bös auf dem David bin.
M: Aber ihr habt nie das Bedürfnis gehabt wieder hier zu leben?
Nein, ich hab gesagt, ich würde nie zurückgehen, wo man mich nicht wollen hat. Ich hab zu deiner Mama gesagt, warum wolltest du zurückgehen? Sie hat gesagt, ich bin hier geboren, hab diese Sprache gelernt, jemand muss zurückgehen und die Leute aufklären und ihnen sagen was war, man darf das nie vergessen. Und sie hat das wie eine Aufgabe gesehen in ihrem Leben, dass sie das machen muss. Ich hab es anders gesehen. Uns haben sie rausgehauen, sie haben uns nicht wollen. Jeder sieht es eben anders. Ich bin sehr gern Amerikanerin geworden, ich liebe Amerika und ich liebe Los Angeles. Aber zum Beispiel der David sagt mir immer, wir haben einen Schutzengel gehabt, er glaubt daran und ich sag zu ihm, was für einen Schutzenge hab ich gehabt, wenn meine Eltern umgekommen sind. Das ist ganz furchtbar, wenn Menschen die nie jemandem was zu Leide getan haben, die brav und anständig waren und sich immer um andere Leute gekümmert haben, dass man solche Leute hinschlachtet wie das liebe Vieh.
Das kann ich nicht verstehen und ich werde es auch nie verstehen. Wie ich erfahren habe, was mit der Mama passiert ist, zuerst wollten sie es mir nicht sagen, weil ich damals grad den Fredi gehabt habe, ein Baby und er war krank.
Und alle haben es gewusst und einmal hat mir meine Schwiegermutter irgendetwas gesagt, vom Gas, dass man die Leute vergast. Ich hab ihr gesagt, das ist Wahnsinn, Menschen können sowas nicht machen. Menschen können nicht solche Barbaren sein, das ist unmöglich. Und sie hat gesagt, wo lebst du denn, lebst du denn am Mond, weißt du denn das nicht und ich bin zum David gegangen und hab ihm gesagt, du, deine Mutter hat das gesagt, ich kann das nicht glauben. Und nachher haben sie mir das gesagt und ich bin zu Elie gegangen und er hat gesagt, ja, sie wollten es mir nicht sagen. Und damals hab ich geglaubt, immer hab ich gehört, wie die Mama mich gerufen hat. Das war die ärgste Zeit in meinem Leben, das war eine furchtbare Zeit, das werde ich nie vergessen.