Kindheit und Jugend 31

Es hat vielleicht aber nur ein bis zwei Wochen gedauert von dem Moment, wo ich mich entschloss wegzugehen, bis zu dem Moment, wo wir wegfuhren. In dieser Zeit erlebte ich, nicht mehr im Park sitzen zu können. Ich bin gewisse Strecken in der Stadt ganz allein gegangen, denn ich durfte meine Genossinnen und Genossen nicht mehr treffen. Einmal traf ich den Fischer. Er kam in Uniform der Organisation TODD.
Er erzählte, dass man ihnen im KJV (Kommunistischer Jugendverband) nahelegte, in eine von diesen Organisationen einzutreten, aber nicht in die SA oder SS, damit sie nicht auffielen. Arbeiten konnte ich schon lange nicht mehr.
Nach dem Einmarsch hatte ich vielleicht noch vier Wochen gearbeitet. Dann sagte die Leiterin, es war ein chemisches Labor der Firma Scherk, wo Flaschen und Cremes etikettiert wurden: „Da du ein jüdisches Kind bist, kann ich dich nicht mehr anstellen, ich muss dich entlassen“. Ich fühlte mich nicht in Lebensgefahr. Ich kannte viele Schriften der Nazis, wusste was in „Mein Kampf“ steht, rannte zu sämtlichen Reden und hörte beim Rathaus und Parlament die Reden sämtlicher Nazis. Ich bin mit meinem Bruder auf den Ring gelaufen und wir sahen die Massen von Menschen, wie sie dem Hitler zugelaufen sind. Wir waren ja nur in den letzten Reihen, bis einer schrie, dass wir endlich die Hand heben sollten zum Hitlergruß. Da haben wir uns schnell umgedreht und sind davongelaufen.
Angst hatten wir schon, aber wir waren mutig genug, um uns das Spektakel anzusehen und zu hören. So konnten wir uns ein Bild machen. Ich musste mir noch die Mandeln nehmen lassen, da ich jedes Jahr eine Entzündung hatte.
Ich wusste ja nicht, was ich später dann tun könnte, ohne Geld. Ich ging ins Rothschildspital, da ich als Jüdin nur dorthin gehen konnte. Die Ärzte gaben mir keine Narkose, da mir das als Jüdin nicht zustand. Ich war ganz alleine dort und musste mir die Tasse selbst halten. Das war ein schrecklicher und furchtbarer Schmerz. Dann ging ich zurück durch meinen Bezirk. Ständig musste ich Blut spucken. Als ich bei der Markthalle vorbeikam sah ich wie man einen alten Juden knien und reiben ließ. Es war ein ganz alter Mann und die Leute standen in Dreier- oder Viererreihen und johlten und zogen ihn und zupften ihn und bespuckten ihn. Das sah ich mir an und mir war ganz schlecht. Und dann ging ich nach Hause. Das war alles sehr schwer. Und jetzt sagen sie, die Juden haben es gutgehabt, die sind weggefahren und wir haben den Krieg gehabt. Aber die, die ich kannte, waren alle sehr arme Juden. Das ist sehr böse, aber böse Menschen gibt es überall. Ich lebe halt hier in der Demokratie. Aber es war schon so, dass Leute gefragt haben, warum ich hier in dieses Land zurückfahre. Ich dachte halt ich würde hier den Sozialismus aufbauen. Gott sei Dank ist das nicht gelungen. Es hätte aber leicht kommen können, denn eine Zeit lang hieß es, dass Österreich geteilt würde. Und wenn ich in einer Volksdemokratie gewesen wäre, weiß ich nicht, was mit mindestens der Hälfte der Genossen passiert wäre. Gott sei dank war das nicht.