Kindheit und Jugend 29

Liesl heiratete und auch Clary, und so wurden sie automatisch österreichische Staatsbürger, bekamen einen Pass und konnten legal ausreisen, was sie auch machten. Meine Mutter und ich hatten das nicht. Aber zu mir sagten meine Freunde, dass ich verschwinden solle, da ich schon einmal gesessen bin. Wie sollte ich wegkommen ohne Pass, ohne einen Groschen Geld? Damals wohnte eine Freundin bei uns, die Herta. Und ich überredete sie, mit mir zu flüchten. Sie war ein armes Mädchen ohne Familie. Damals waren schon alle meine Geschwister weg. Wie sie weg konnten, darüber gibt es viele Geschichten, auch wie das mit dem Geld war. Die Brüder sind natürlich illegal über die Grenze und vielleicht auch mit einem Führer. In Brüssel haben sie dann Papierwaren verkauft und mit dem Gewinn haben sie den Führer gezahlt und sie hatten auch für mich und Herta einen Führer geschickt und auch den mussten sie bezahlen, was sie mit ihrer Arbeit scheinbar konnten. Wir hatten ja keinen Groschen.
Von 1934 bis 1938 haben wir normal weitergelebt, erst ab 1938 hatte sich alles geändert. Über Nacht hat man die Fensterscheiben eingeschlagen und beschmiert, die Parks waren für uns verboten, auf den Bänken stand „Nur für Arier“. Man konnte nicht mehr ins Tröpferlbad gehen, aber wir hatten kein Badezimmer. Ziemlich bald nach dem Einmarsch sind meine Schwestern weg. Clary hat schon wo anders gewohnt, sie war schon seit einem Jahr vielleicht verheiratet und die Liesl, die David gleich nach dem Einmarsch heiratete, sie war sehr jung, vielleicht 20 Jahre, bekam dadurch auch einen Pass. David ging nach Italien und ließ Liesl sehr bald nachkommen. David war ein Marktfahrer und daher über alles informiert. Ich glaube, sie mussten nicht einmal diese Fluchtsteuer zahlen. Das weiß ich nicht, wie das war, aber dein Vater kann dir darüber erzählen, denn die sind Ende 1938 weg. Es war nicht so einfach als 17-jähriges Mädchen wegzugehen. Wir waren sehr selbständig, sind in diverse Jugendlager gefahren, aber ich war noch ein halbes Kind. Meine Freunde haben mich aber unterstützt. Der eine hat sein Fahrrad verkauft, der andere hat Schallplatten gehabt und verkauft. Herta und ich hatten ein paar Adressen von ein paar bekannten Textilunternehmen am Salzgries oder in der Gonzagagasse. Dort sind wir hineingegangen und sagten, dass wir Jüdinnen sind und wir müssten weg und ob sie uns nicht was geben könnten. Der eine oder andere gab uns einen Schilling und das war nicht wenig. Ich habe in Erinnerung, dass wir 10 Schilling für die ganze Fahrt brauchten.
Und das bekamen wir auch. Meiner Nachbarin sagte ich, dass ich Angst hätte und wegginge und sie gab mir einen Doppelschilling sogar. Das war eine Jüdin und ich hoffe, dass sie auch weggekommen sind. Ich hatte mit ihren Töchtern ein gutes Verhältnis und erzählte ihnen immer von meiner Weltanschauung. Letzten Endes verbaten mir die Eltern mit den Töchtern zusammenzukommen.