Kindheit und Jugend 27

Und es wurde durch die Straßen marschiert mit schrecklichen Parolen wie „Ho ruck nach Palästina mit die zuagrasten Wiena“, aber das haben sie vielleicht vorher auch schon geschrien. Die Geschäfte der jüdischen Inhaber wurden beschmiert mit ganz großen Lettern „Juda verrecke“.
In der Zeit vor 1938 war es so, dass wir der illegalen Kommunistischen Jugend beitraten und in regelmäßigen Abständen politische Vorträge hörten, gemeinsam Bücher und Zeitungen lasen und besprachen und politisch so weit geschult waren, dass wir Bescheid wussten, falls es ärger würde. Und jeder sprach ja damals vom Anschluß, denn die meisten wollten ihn ja, dann würde es sehr böse werden. Und so war es ja dann auch. Die Arbeitslosigkeit war ja sehr hoch. Meine Mutter hatte aber meistens immer etwas zum Verdienen, aber sie musste ja eine siebenköpfige Familie erhalten, denn der Vater hatte ja fast nie eine Arbeit. Die Mutter lebte mit ihren Näharbeiten von der Hand in den Mund. Sie musste immer alles selbst machen und konnte sich nichts leisten, eine Bedienerin oder so.
Zum Essen hatten wir ja auch nie genug. Wir haben aber in der Familie nie darüber gesprochen, dass wir weggehen müssten. Wir hätten es nie können, da wir ja nichts hatten, und die Mutter mit schwerer Mühe und Not die Kinder aufzog und ernährte. Wir haben uns auch in Wien zu Hause gefühlt und dass es böse Menschen überall gibt, das wussten wir ja auch. Wir haben auch nicht unbedingt zu Hause immer über diese Dinge gesprochen, nur wir in der politischen Gruppe schon. Aber zum Beispiel meine Mutter musste, als wir verhaftet wurden als Kinder, mitgehen aufs Kommissariat. Sie war dort in der Nebenzelle. Dort wurden wir verhört von einem Polizeioffizier namens Christ, ein hoch­dekorierter Polizist, einer nach dem anderen. Alle wurden dann bald freigelassen, außer mir, denn ich nahm es auf mich, dass ich die Flugblätter und alles verteilen wollte. Ich hatte Angst, dass mein Bruder verurteilt würde, und als Kranker wäre das furchtbar gewesen. Als er beim zweiten Mal verhaftet wurde und dann auch für ca. zwei Monate verurteilt wurde, und er keine österreichische Staatsbürgerschaft hatte, da mein Vater verabsäumt hatte, für Österreich zu optieren, wurde Elie von Österreich ausgewiesen. Und als die Nazis in Österreich einmarschierten war es das erste für uns, dass Elie weg muss. Und da entschloss er sich mit Heini wegzugehen. Das war vielleicht im Mai, kurz bevor er abgeschoben würde. Und Mama hat ihm sehr zugeredet und auch dem Heini, dass sie gemeinsam weglaufen. Also das wurde schon in der Familie besprochen, aber mehr nicht.