Kindheit und Jugend 25
Ich habe in meinem Leben zwei Diktaturen erlebt. Einmal im 33er Jahr, als zuerst die Kommunistische Jugend und dann im 34er Jahr die Sozialistische Jugend verboten wurde. Das war das System, also ein faschistisches System.
Als im 34er Jahr, die Faschisten, die Hahnenschwänzler in die Menschen schossen. Und die zweite Diktatur war 1938, als die Deutschen einmarschierten. Das war noch viel scheusslicher, als die erste.
1935 war ich 15 Jahre alt, als wir ein paar Kinder eingeladen hatten zu Hause. Elie und ich luden etwa zwanzig Kinder zu uns ein und wir hielten eine Geburtstagsfeier ab, einerseits für Lenin und andererseits für die Oktoberrevolution. Dazu hatten wir Zeitungen und Flugblätter. Die lagen zwar nicht offen, sondern hinter einem Verschlag versteckt. Nicht einmal die Mutter wusste davon. Am Ende der Versammlung wollten wir das den Kindern austeilen. Damals wurden wir verraten und verhaftet. Es war im Herbst, im Oktober. Wir wurden alle zusammen aufs Kommissariat geführt und von dort ins Polizeigefängnis, das war damals die Elisabethpromenade. Wir nannten das die Liesl. Wie das war, brauche ich nicht erzählen, denn da gibt es ja die Interviews. Damals kann man sagen, dass die Verfolgung begonnen hat. Ich sah ja, dass ganze Kolonnen von SS, SA, deutsche Wehrmachtssoldaten und Pöbel, die Lieder gesungen haben, wie „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, hei da geht’s noch mal so gut“.
Das war das Stück eines Liedes. Eigentlich fürchtete ich mich von Anfang an, da wir genau wussten, dass es in Deutschland bereits seit 1933 Konzentrationslager gab und die Menschen dort ganz gemein schikaniert wurden. Außerdem wurden nach dem Einmarsch bereits ein paar Tage später der erste Transport zusammengestellt mit sozialdemokratischen, jüdischen, christlichen Intellektuellen, Zeitungsleuten, nach Dachau, und nach Buchenwald. Bei diesem ersten Transport wussten wir, dass der Herr Felsenburg, der Schwiegervater von meiner Schwester Clary, dabei war. Als Journalist der Zeitung „Neues Welt-Blatt“, genau weiß ich nicht, wie die Zeitung hieß. Er war aber kein Linker, eher ein Rechter. Ein Bürgerlicher sagen wir. Und das war natürlich unser erster Schock.